Ohnmacht

Ich hatte den Nebeneingang gewählt, weil er von meinem Büro aus am schnellsten zu erreichen war, aber während ich im Treppenhaus die Stufen herunter lief, überfiel mich plötzlich panische Angst, die Tür könnte um diese Zeit schon abgesperrt sein. Doch ich hatte Glück. Ein Riesenglück — nicht nur wegen der Tür, auch sonst. Abgesehen von einer stürmischen Umarmung durch den Kollegen war nichts passiert. Und eine Umarmung, das hält man schon aus, dachte ich zuversichtlich. Alles war noch einmal gut gegangen. Gleich würde sich mein Puls wieder beruhigen, und ich könnte an schönere Dinge denken. Wie ich den Feierabend verbringen wollte beispielsweise.

Doch ich hatte mich getäuscht — ich konnte nur an eins denken: was für ein Idiot ich gewesen war. Seine Hand auf meinem Knie während der langen Autofahrt von der Konferenz nach Hause hätte mir doch eine Warnung sein müssen! Zumal die Hand immer wieder den Weg nach oben gesucht hatte. Das hatte ich zwar verhindert — aber was für eine hirnverbrannte Verrücktheit war es gewesen, danach mit diesem Kollegen im Büro die E-Mail checken zu wollen — zu einer Uhrzeit, wo dort kein Mensch mehr sein würde. Die E-Mail hätte ich doch wirklich auch morgen lesen können.

Aber es war ja nichts passiert — wozu also sinnlose Selbstvorwürfe? Ich dachte an Frauen, die vergewaltigt werden, und sich dann selbst die Schuld geben, auch wenn sie gar nichts dafür können. Tat ich nun das gleiche? Es war sicher das Beste, mit jemandem zu reden, und so rief ich, sobald ich zuhause war, meine Freundin Jane an. “Kannst Du heute Abend früher kommen? Ich muss Dir noch was erzählen.” Jane und ich teilten uns seit einem Jahr das zuhause. Trotz Sprachbarriere waren wir sofort beste Freundinnen geworden, und — Tausende von Kilometern von der jeweiligen Heimat entfernt — auch Familienersatz. “Ich kann auch gleich kommen, wenn du möchtest.” bot Jane an. “Nein, das ist nicht nötig.” Ich wollte ihr den Abend mit ihrem Freund nicht verderben. Eine Minute später rief ich nochmal an: “Kannst Du bitte doch gleich kommen?”

Als Jane zwanzig Minuten später endlich zur Tür herein kam und besorgt fragte, was denn los sei, deutete ich unsicher auf einen Eintrag im Wörterbuch, in dem ich geblättert hatte. “Kennst du dieses Wort? Ich bin mir nicht sicher, ob es das richtige ist, aber ich glaube, das ist mir gerade passiert.” Sie nahm das Buch in die Hand und sah nach. “Ja, ich kenne das Wort.” Vorsichtig fügte sie hinzu: “Es ist ein sehr ernstes Wort.” Ich schluckte, als sie mich besorgt ansah. “Dann ist es wahrscheinlich das richtige Wort.” sagte ich mit zittriger Stimme. Jane nahm mich in die Arme, und ich brach in Tränen aus, ohne auch nur ansatzweise zu verstehen, weshalb mir der Vorfall so zu schaffen machte.

Dann erzählte ich ihr, was passiert war. Immer wieder erzählte ich es, an vielen Abenden der folgenden Wochen, und ich rechne meiner Freundin hoch an, dass sie kein einziges Mal sagte: “Das hast Du mir doch schon erzählt.” So erinnerte ich mich an stets neue Einzelheiten: der überraschende Zugriff, die Lippen und die Bartstoppeln, die sich in mein Gesicht pressten, der Geruch von Rasierwasser, die feste Umklammerung, die es mir unmöglich machte, meine Arme zu bewegen. Mein Schritt zur Seite, bei dem ich das Gleichgewicht verlor, mein Körper ganz ohne Bodenkontakt, meine Panik. Und dann erinnerte ich mich eines Abends an ein besonders wichtiges Detail: wie mir bewusst geworden war, dass ich einer Vergewaltigung jetzt wehrlos ausgeliefert wäre. Dazu ein klares Bild davon, wie ich mich dabei gefühlt hatte: so, als wäre der Boden unter mir weicher Schlamm, und ich werde von einem riesigen Strudel erfasst, der mich unaufhaltsam in die Tiefe zieht.

Es war also doch etwas passiert. Nicht die Umarmung des Kollegen hatte mich aus der Bahn geworfen — sondern der Gedanke, vergewaltigt zu werden. Der Blick in eine unendliche Tiefe, die mich zu verschlingen drohte. Erst Jahre später bemerkte ich erstaunt, dass der griechische Dichter Homer das gleiche Bild gewählt hat: Persephone, von Hades vergewaltigt, wird vom Erdboden verschlungen — ihr Leben für immer verändert.

Hatte ich mir vorher vorgeworfen, die Angelegenheit unnötig zu dramatisieren, warf ich mir jetzt vor, angesichts einer möglichen Vergewaltigung nicht einmal ein “nein” hervorgebracht zu haben. “Lass uns hier raus gehen.” hatte ich gesagt, nachdem ich mich aus der Umarmung befreit hatte, bemüht, nichts zu sagen, was dem Kollegen unangenehm sein könnte! Dass ich meine eigene Unversehrtheit so nachrangig priorisiert hatte, schockierte und enttäuschte mich zutiefst.

Ich litt unter massiven Schuldgefühlen, bis ich mich irgendwann wieder daran erinnerte, wie ich mich während der Attacke panisch gefragt hatte: “Was ist hier los? Was ist hier los?” Ich war zu durcheinander gewesen, um zu reagieren. Meine Tatenlosigkeit war kein Ausdruck von Selbstverachtung. Ich war einfach nur überfordert gewesen. Das konnte ich mir problemlos verzeihen. Warme Gefühle kehrten zurück. Ich mochte mich wieder. “Jetzt wird alles wieder gut.” dachte ich erleichtert.

Doch tatsächlich wurde alles schlimmer. Ich traute mich nicht mehr allein zum Supermarkt — jemand könnte mich von der belebten Straße weg in ein Haus ziehen. Ich versuchte, stets missgelaunt auszusehen, damit keiner auf die Idee käme, mich attraktiv zu finden. Ich vermied es zu lachen — es war das Risiko nicht wert. Ich lebte wie ein Roboter, programmiert auf nur ein Ziel hin: nie wieder in diesen Strudel zu geraten. Ich musste das Leben neu erlernen, unter veränderten Voraussetzungen, und ich brauchte lange, um zu erkennen, dass die unangenehmen Schuldgefühle mich auch geschützt hatten. Wer sich schuldig fühlt, sagt: “Etwas schlimmes ist passiert, weil ich etwas falsch gemacht habe. Ich werde es in Zukunft besser machen, dann passiert das nicht mehr.” Wer dagegen sagt, dass er nichts falsch gemacht hat, der sagt auch, dass es wieder passieren könnte — vielleicht schon dieses Jahr, vielleicht schon diese Woche, vielleicht schon heute. Gerne wäre ich zu den Schuldgefühlen zurückgekehrt, aber es gelang mir nicht mehr. Ich war meiner Ohnmacht schutzlos ausgeliefert.

Wie im Nebel versunken erscheint mir diese Zeit. Der Schleier lichtet sich nur an einer Stelle für eine isolierte Erinnerung, zu der mir jeder Kontext fehlt, dennoch ist die Erinnerung selbst erstaunlich klar. Es war der Moment, in dem ich entschied: “Ich werde den Menschen wieder vertrauen — nicht weil sie es verdienen, sondern weil das die Art und Weise ist, auf die ich leben möchte, komme was wolle.” Es war ein Wendepunkt für mich. Ein Geheimrezept aber ist es nicht.

Es liegt im Wesen der Ohnmacht, dass man sie nicht besiegen kann. Man kann nur lernen, ihr das Leben schwer zu machen, und so hat mir die Ohnmacht langfristig auch etwas wichtiges geschenkt: ein tieferes Wissen um das, was mir wichtig ist, und schützenswert, und ein feineres Gespür für meine eigene Macht. Wenn man sich ohnmächtig fühlt, und man dann mit Neugier, Phantasie und Mut den eigenen Spielraum erkundet, findet sich fast immer etwas, das man doch tun kann. Klar und deutlich “nein” sagen beispielsweise.

Und wenn sich dadurch nichts ändert? Dann kann man es trotzdem sagen. Und wenn man den richtigen Moment verpasst hat? Dann kann man es später sagen. Und wenn es bereits zu spät ist? Es ist noch gar nicht zu spät.

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