Strick-Meditation

Bei den Kindern wird gemeckert — und selber? Zum x-ten Mal sage ich mir: weg vom Handy! Der Google Feed mit seinen immergleichen schlechten Nachrichten tut mir nicht gut. Andererseits: was soll ich denn machen während der zwei S-Bahn Fahrten jeden Tag? Zuschauen wie alle anderen aufs Handy gucken? Da jucken irgendwann die Finger. 

Das mit den Fingern bringt mich auf eine Idee. Ich könnte in der S-Bahn Stricken. Das gibt den Händen etwas zu tun, und der Geist kann sich ausruhen, anstatt sich mit den Weltproblemen zu belasten. Bewaffnet mit Stricknadeln und einer bunt gemusterten Sockenwolle mache ich mich an die Arbeit. Ein Schal soll es werden, weil das so herrlich unkompliziert ist. Schnell fertig wird er zwar nicht werden, dafür ist die Wolle zu dünn, aber ich stricke ja nicht, um einen Schal zu haben. Ich stricke wegen der juckenden Finger.

Erstaunlich oft werde ich angesprochen. “Darf ich fragen, was Sie da stricken? Wird das ein Schal?” Besonders die älteren Damen interessieren sich und begutachten fachkundig das Muster. “Für ein Kind?” Wie kommt die Dame darauf? Ich sage ihr, dass er für mich selbst gedacht sei. “Wäre aber auch hübsch für ein Kind.” erwidert sie prompt, und auch wenn ich nicht weiß, was genau sie mir damit sagen will — mich erfreuen solche Gespräche. Für mich ist es ein unerwartetes Geschenk von Nähe, wenn mir eine Unbekannte in der S-Bahn strahlend von früheren Strick-Projekten erzählt. Im Berufsverkehr wird man ja sonst nur selten angesprochen. Man hält mental Abstand, vielleicht als Ausgleich für die relativ große körperliche Nähe. Als Buchleserin, Handyguckerin oder Kopfhörerträgerin signalisiere ich: “Bitte nicht stören.” Das Strickzeug aber sendet eine andere Botschaft, jedenfalls an die, die auch stricken. Es sagt: ich bin entspannt, ich habe Zeit. Mein Kopf ist frei für ein Gespräch.

Der freie Kopf ist das besondere beim Stricken oder ähnlichen Handarbeiten. Am Spielplatz mit den Kindern ist mir das früher auch aufgefallen. Gerne hätte ich mich mit einem Buch auf die Bank gesetzt — aber keine Chance. Eine lesende Mama mögen die Kinder nicht. Sie wird zurecht als geistig abwesend wahrgenommen. Eine strickende Mama hingegen ist etwas wunderbares: eine beruhigende Gegenwart im Hintergrund.

Man kann beim Stricken gut nachdenken, ähnlich, wie man auch bei einem Spaziergang gut nachdenken kann. Es ist so, als ob die Bewegung auch die Gedanken in Gang hält. Masche um Masche verarbeite ich dann nicht nur die bunte Sockenwolle, sondern auch Probleme in der Arbeit, Sorge und Freude mit den Kindern, Gespräche mit Freundinnen, ein paar verrückte neue Ideen. Ich entspanne mich dabei, komme zur Ruhe. Nicht körperlich, sondern mental. “Zeit für meine Strick-Meditation!” sage ich zu mir im Spaß, wenn ich einen Sitzplatz in der S-Bahn gefunden habe und in den Rucksack greife, um nach den Nadeln zu suchen.

Eigentlich ergibt dieser Begriff keinen Sinn, denn in vielerlei Hinsicht erscheint die Strickerei wie das Gegenteil von Meditation. Beim Meditieren geht es ja darum, das, was man tut, bewusst zu tun. Beim Stricken will ich mich aber gerade nicht auf das Muster und die einzelnen Maschen konzentrieren, und die vorbeiziehenden Gedanken will ich nicht bewusst wahrnehmen — ich will sie einfach nur fließen lassen. Trotzdem finde ich den Begriff passend. Vielleicht weil das Stricken bei mir zu einem ähnlichen Ergebnis führt wie das Meditieren.

Was das Meditieren betrifft bin ich zwar keine Expertin, aber fasziniert hat es mich schon immer. Als Jugendliche hatte ich einen Freund, der mir begeistert erzählte, wie Meditieren sein Leben bereicherte. Ich las Bücher zum Thema und experimentierte herum, aber es schien nicht recht zu gelingen. Entweder hatte ich noch nicht den richtigen Zugang gefunden, oder — und das schien immer plausibler — war es halt doch nicht mein Ding. Vielleicht fehlte es mir an Begabung oder Disziplin oder einfach an der entsprechenden Neigung. Man kennt das ja, die Menschen sind verschieden. Die einen fahren begeistert Ski, den anderen ist dabei einfach nur kalt. Die einen singen gerne, die anderen finden es total peinlich.

Dann las ich vor zehn Jahren in einem Buch von Jon Kabat Zinn von medizinischen Studien, in denen die Teilnehmer acht Wochen lang täglich 45 Minuten Achtsamkeitsmeditation übten. Die Mediziner konnten viele positive gesundheitliche Auswirkungen nachweisen. Für mich interessant: die Studienteilnehmer waren normale Klinik-Patienten — unwahrscheinlich, dass sie sich durch überdurchschnittliche Begabung zur Meditation auszeichneten. Plötzlich sah ich es ganz klar vor meinen Augen: der entscheidende Faktor für den Erfolg der Meditation ist nicht Talent oder Neigung. (Man muss nicht gerne meditieren, wie der Autor betont.) Der entscheidende Faktor ist, dass man sich täglich 45 min Zeit dafür nimmt. Vereinfacht gesagt: Meditation hilft (nur) dem, der meditiert.

Auch wenn diese Erkenntnis etwas banal erscheinen mag, sie motivierte mich sofort, für ein paar Wochen dem anspruchsvollen Programm in Eigenregie zu folgen. Und tatsächlich wurde ich auf unerwartete Weise glücklich. Eine der ersten greifbaren Veränderungen war, dass ich beim Abendessen mit den Kleinkindern plötzlich über deren Witze mitlachen musste. Früher hatte mich der seltsame Kindergarten-Humor eher genervt — ich wollte mit dem Tagesprogramm vorankommen. Meine Alltagswege mit dem Kinderwagen wurden nun begleitet von Gedanken wie: “Wie schön die Blätter durch die Luft wirbeln. Das Baby schläft friedlich. Wie wunderbar wärmen mich die Sonnenstrahlen. Wer könnte glücklicher sein als ich?” Früher hatte ich vielleicht gedacht: “Was koche ich heute?”

Ich erklärte mir das plötzliche Glücksempfinden als logische Konsequenz meiner Lebenssituation. Drei gesunde und zufriedene Kinder — das war doch sicher eine hinreichende Erklärung fürs glücklich sein? Auf die Idee, dass diese Änderungen mit dem Meditieren zu tun hatten, kam ich seltsamerweise erst viel später (nach mehreren Pausen und Neustarts meines Programms, die den Zusammenhang nahelegten). Ich hatte unbewusst erwartet, dass mich das Meditieren beim Meditieren glücklich machen würde, aber das war leider nicht der Fall. Ich fand es anstrengend, mich auf meinen Atem zu konzentrieren, und oft auch stinklangweilig. Auch auf das Gefühl von Fortschritt wartete ich vergebens. Über ein Jahr lauschte ich täglich einer 20-minütigen geführten Meditation, und hatte danach nur eine sehr vage Vorstellung davon, was nach Minute drei oder vier eigentlich gesagt wird. In den Büchern hatte ich zwar schon gelesen, dass Anfänger manchmal einschlafen. Aber wie lange man wohl Anfänger bleibt? (Dass ich sehr oft im Bett meditiere hilft natürlich nicht.) Nur einmal hatte ich das Gefühl, dass es mit der Meditation gut geklappt hat. Das war nach einer dreitägigen Krankheit, die ich mehr oder weniger schlafend mit hohem Fieber im Bett verbracht hatte. Auf einmal ging das mit der Beobachtung des Atems ganz leicht: Ein … aus … ein … aus … ein … aus. Ich fragte mich anschließend ganz verwirrt, was sonst daran so schwierig war.

Dieses Erlebnis hat mir die Augen geöffnet, dass der unruhige Geist nicht nur auf mangelnden Einsatz bei der Meditation hinweist, sondern auch eine Folge dessen ist, wie er im Alltag beansprucht wird. Ich stelle mir meinen Geist dabei wie ein nasses Handtuch vor. Man kann es durch Meditation quasi auswringen. Das ist anstrengend und — wenn es so gar nicht gelingt —auch frustrierend. (In den Büchern steht zwar, man soll sich deswegen nicht frustrieren lassen, aber wer hält sich schon stets genau an die Anleitung.) Es gibt eine zweite Methode: das Handtuch einfach in Ruhe zu lassen. Es trocknet dann ganz von selbst. Die zweite Methode dauert länger, ist aber weniger anstrengend. Es ist eine Art Meditation zweiter Klasse. Dabei übt man Tätigkeiten aus, die den Geist nicht aufs neue belasten. Eine Tätigkeit wie drei Tage krank im Bett liegen zum Beispiel.

Vielleicht ist eins der Hauptergebnisse meiner Meditationspraxis, dass sie mir einen Spiegel vorhält, wie es gerade um das Handtuch steht. Mit der Zeit habe ich so ein Gespür dafür entwickelt, welche Tätigkeiten mir gut tun (also den Geist trocknen lassen) und welche mir nicht gut tun (weil sie das Handtuch wieder ganz nass machen). Auf der Negativliste stehen Streitigkeiten in der Familie oder in der Arbeit, Überforderung, Multitasking, Zeitdruck, schlechte Nachrichten, oder allgemein Probleme, gegenüber denen ich mich machtlos fühle. Auch das Lesen steht leider auf dieser Liste und das Fernsehen. Gut dagegen ist Radfahren, Spazieren gehen, Schwimmen, Klavier üben, Tagebuch schreiben und Handarbeiten. Kochen kann auch entspannen, wenn es ohne Zeitdruck geschieht. Alle diese “guten” Tätigkeiten dienen mir wiederum als Spiegel. Wenn ich zwanzig Minuten Klavier übe, weiss ich danach sehr genau, wie es um meinen Geist steht.

Doch neulich kamen mir Zweifel bezüglich der Meditation zweiter Klasse. Ich hatte die S-Bahn verpasst und fragte mich genervt, wie ich nun die nächsten 18 Minuten verbringen sollte, als mir das Strickzeug einfiel. Das Sperrengeschoss in der Innenstadt lädt zwar nicht unbedingt zur Meditation ein, aber immerhin würde es dann mit dem Schal voran gehen. Denn auch wenn es mir eigentlich nicht um den Schal geht, freue ich mich doch, ihn wachsen zu sehen, und zähle immer wieder mit Stolz die entstandenen Streifen.

Ich stricke also gerade gemütlich vor mich hin, da ruft eine Frau in unmittelbarer Nähe plötzlich laut “Uih!” Was ist ihr Problem? Sie schaut zu mir her. “Da setz ich mich jetzt hin.” sagt sie und setzt sich direkt neben mich. Was sie wohl will? Erst erkundigt sie sich nach meinem Projekt. Dann sagt sie: “Sie strahlen eine wahnsinnige Ruhe aus, wie Sie da sitzen und stricken.” Das schmeichelt mir, aber es wundert mich auch. Ich hatte nämlich gerade in Gedanken ein intensives Streitgespräch mit dem Sohn geführt. Die Dame und ich wechseln zwei oder drei belanglose Sätze, da nähert sich auch schon meine S-Bahn. Ich stehe auf und verabschiede mich. “Stricken Sie in der S-Bahn weiter?” fragt sie mich und steht, als ich bejahe, ebenfalls auf. “Dann fahre ich mit Ihnen mit.” Ob es denn auch ihre Richtung sei, frage ich verwirrt. Sie lächelt nachsichtig und zeigt mir mit einer Handbewegung, dass das für sie keine Rolle spielt.

Die einfahrende S-Bahn ist völlig überfüllt und ich sage der Frau, dass es wohl nichts werden wird mit dem Stricken. Verlegen entscheidet sie sich, doch nicht mitzufahren. Dieser Rückzieher ist ihr sichtlich unangenehm, aber ich sichere ihr mein vollstes Verständnis zu. Als sich die Türen hinter mir schließen und der Zug anfährt, bin ich fast ein bisschen erleichtert. Ich finde ich doch noch einen Platz, auf den sich keiner setzen will, und hole mein Strickzeug heraus. Strick-Meditation! Ich hatte das doch nur im Spaß zu mir gesagt, als eine Art privater Witz. Aber vielleicht habe ich die Sache unterschätzt. Möglicherweise steckt ja mehr dahinter, als ich dachte.

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