Bilderspiele

“Wie ein Messer, das durch Butter gleitet.” Das Bild muss irgendwie schon in meinem Kopf gewesen sein, bevor ich es für mich in diese Worte fasste. Vor meinem inneren Auge war also aus einem noch unbewussten Bild ein bewusster Gedanke geworden. Es kam mir wie ein wundersamer Zufall vor, denn das Bild hätte ja auch unbemerkt wieder zerfallen können wie ein un-erinnerter Traum. Warum hatte mein Gehirn diesen Gedanken erzeugt? War er eine irrelevante poetische Beigabe ohne Belang?

Es ist lange her, dass mir dieses Bild vom Messer, das durch Butter gleitet, in den Sinn gekommen ist. Ich hatte gerade mit dem wissenschaftlichen Arbeiten begonnen — eine für mich neue Welt. Fasziniert erlebte ich, wie meine Gedanken sich fast wie von selbst in die Probleme vertieften. Ich musste keine Willenskraft aufwenden, um nach Lösungen zu suchen. Es war eher so, dass ich Willenskraft hätte aufwenden müssen, um meine Gedanken vom Problem wieder zu lösen. Es verwirrte mich, dass ich scheinbar keine bewusste Kontrolle über mein Denken hatte. Die Gedanken bewegten sich wie von selbst auf ein mir unbekanntes Ziel zu — wie ein Messer, das mühelos und leicht durch Butter gleitet.

Aber so ganz passte das Bild doch nicht. Ein Messer, das durch Butter gleitet — es würde sich auf einer relativ geraden Linie bewegen. Und jemand müsste so ein Messer führen — wer sollte das sein? Nein, meine Gedanken waren selbständiger, lebendiger. Eher wie ein Adler, der die Lüfte durchquert, dachte ich mir.

Manchmal war mein Denken aber auch sprunghaft und planlos. Da war ich gerade intensiv mit einer Fragestellung befasst und von einer Sekunde zur anderen war das Interesse weg, und ich beschäftigte mich mit einer neuen Frage. Eine gute Art, Kollegen in den Wahnsinn zu treiben! Wäre es nicht effizienter, systematisch und diszipliniert vorzugehen? Ich dachte frustriert an einen Schmetterling, der nach Lust und Laune von Blüte zu Blüte fliegt, ohne irgendein höheres Ziel vor Augen zu haben. Bald fiel mir allerdings auf, dass ich mit meinen impulsiven Sprüngen viel schneller ans Ziel kam. Das systematische Vorgehen zwingt einen ja, sich der Ordnung halber auch mit langweiligen Aspekten des Problems aufzuhalten, was selten zu Ergebnissen führt. So freundete ich mich mit dem undisziplinierten Schmetterling in mir an. Er war gut darin, Probleme zu lösen. Auch diese Probleme waren für mich Bilder: Berge, die ich besteigen wollte, Felsbrocken, deren inneres ich offen legen wollte, oder verschlossene Räume, zu denen mir noch der Schlüssel fehlte.

Ohne weiter darüber nachzudenken, fing ich irgendwann an, mein Denken mit solchen Bildern gezielt zu steuern. Wenn ich mich in einer Situation überfordert fühle, sage ich mir beispielsweise: “Denk an den Adler.” Das hilft mir, die Probleme aus größerer Distanz und mit mehr Gelassenheit zu betrachten — bis ich wieder weiss, worauf es ankommt. Dieses Spielen mit Bildern funktioniert überraschend zuverlässig und bereitet mir immer wieder großes Vergnügen — es kam mir aber anfangs ein wenig unprofessionell vor. Anstatt an einen Adler zu denken, könnte ich mir ja auch einfach sagen: “Finde heraus, was wichtig ist.” Anstatt an einen Schmetterling zu denken, könnte ich mir sagen: “Eins nach dem anderen.”

Das Problem: solche abstrakten Lebensweisheiten klingen immer vernünftig! Wenn ich völlig überfordert bin, und eine Freundin sagt mir: “Eins nach dem anderen.” — dann klingt das ja durchaus sinnvoll und plausibel. Bei Erwähnung des Schmetterlings hingegen würde ich gereizt reagieren: “Dieser blöde Schmetterling hat mir jetzt gerade noch gefehlt!” Ich wüsste sofort, dass es jetzt keinen Sinn hat, spontan ein beliebiges Detail anzugehen. Das Bild vom Schmetterling schenkt mir also Zugang zu einem Wissen, auf das mein logisches Denken keinen Zugriff hat. Und so ist das oft, wenn die Probleme komplex werden. Der Verstand findet keinen Hebel, an dem er ansetzen kann. Er kann nur noch passen. Ohne meine Bilder wäre ich dann verloren.

Auch im Alltag überschätzen wir häufig den Einfluss unserer Vernunft. Treibe regelmäßig Sport! Iss täglich fünf Portionen Obst und Gemüse! Das klingt vernünftig, und so erwarten wir von uns, dass wir diese einfachen Regeln auch umsetzen. Doch die Vernunft ist hier schnell überfordert.

Die Psychologin Maja Storch empfiehlt, ein vernünftiges Ziel in ein inspirierendes Motto zu verwandeln. In ihrem Buch “Mein Ich-Gewicht” erzählt sie von einem Seminarteilnehmer, der abnehmen wollte. Er hatte sich vorgenommen, von nun an jeden Sonntag gleich nach dem Frühstück Joggen zu gehen — ein wie ich finde gelungenes Beispiel für ein Ziel, das vernünftig klingt, aber wenig inspirierend. Auch der Mann hatte kein gutes Gefühl dabei. Es ärgerte ihn, dass er auch noch am Sonntag Dinge zu erledigen hatte. In mehreren Schritten gelang es ihm dann, das Ziel umzuformulieren. Sein neues Motto hieß: “Ich gönne meinem Körper freien Auslauf.” Dazu stellte er sich einen Hund vor, der fröhlich aufspringt, wenn er endlich aus dem Haus darf. Mit diesem Bild im Kopf drängte es ihn nun jeden Sonntag aus dem Haus und er drehte zufrieden seine Runden. Sogar bei schlechtem Wetter, wie er überrascht feststellte.

Aber wie findet man solche kraftvollen Bilder? Manchmal tauchen sie spontan aus dem Unbewussten auf, aber man kann sie auch gezielt suchen — beispielsweise indem man wahllos Suchbegriffe am Computer eingibt und wild herum klickt, bis man ein Bild findet, das einem besonders gut gefällt. Und dann fragt man sich: Was an diesem Bild spricht mich an? Was will es mir sagen?

Ganz leicht findet man inspirierende Bilder, wenn man sich fragt: was kaufe ich immer wieder ein, obwohl ich doch eigentlich schon zuviel davon habe? Mich zog es früher oft in die Haushaltsabteilung. Besonders gerne betrachtete ich Geschirr in bunten Farben und fröhlichen Mustern. Vor allem die Tassen schienen mir ein “kauf mich” zuzurufen. Was wollte ich mit den Tassen? Beim Nachspüren tauchte das folgende Bild auf: eine Freundin klingelt spontan und will mir etwas erzählen. Ich mache Tee, den wir dann aus diesen Tassen trinken, und sie erzählt mir, was sie gerade bewegt. Mir wurde klar: eigentlich wünsche ich mir keine Tassen, sondern eine Freundin! (Und die Zeit, spontan mit ihr Tee zu trinken.)

Ich stehe auch oft in der Schreibwarenabteilung und betrachte Kalender. Was steckt dahinter? Ich stelle mir vor, wie ich den Kalender aufschlage, und darin steht (in wunderschöner Handschrift): Wäsche waschen. Ich könnte dann alle Gedanken und Sorgen fallen lassen und Wäsche waschen. Dann würde ich wieder in den Kalender schauen und erfahren, dass nun Vokabelabfragen dran wäre, oder Gemüse schnippeln, oder, wenn ich Glück habe: eine Radtour machen, ein Buch lesen, mit meinem Mann ausgehen. Eigentlich wünsche ich mir also die Klarheit, zu wissen, was jetzt gerade zählt. Einen Kalender brauche ich nicht. Jedenfalls keinen leeren, und einen schon ausgefüllten kann man nicht kaufen. (Und ehrlich gesagt ginge mir ein ausgefüllter ja auch ziemlich gegen den Strich.)

Manche Bilder drücken etwas sehr persönliches aus, andere sind universeller und ein fester Teil unserer Kultur. Ein gutes Beispiel dafür ist für mich das Bild vom Lebensweg. Das Bild vermittelt uns, dass wir bei der Geburt unseren Weg beginnen und ihn immer weiter gehen bis zum Tod. Das klingt einleuchtend und plausibel. Vor vielen Jahren aber habe ich in einem Ratgeber gelesen, dass das Bild auch Ängste und Stress auslösen kann, vor allem, wenn man sich insgeheim vorstellt, der Lebensweg ginge auf ein gewisses Ziel zu (wie es ja bei fast allen Wegen, die wir im Alltag gehen, der Fall ist). Unbewusst sorgt man sich dann vielleicht, dass man vom Weg abkommen und das Ziel verfehlen könnte.

Ich stellte fest, dass es bei mir tatsächlich so war. Mein Berufswunsch forderte einen immer höheren Tribut von mir, und der Wunsch, das Ziel zu erreichen, machte mich abhängig von der Willkür anderer, was mich wütend machte. Meine Lebenstraße schien immer enger zu werden, und es wurde schwerer und schwerer, die Spur zu halten.

Der Buchautor schlug vor, dass man glücklicher lebt, wenn man sich das Leben wie einen Baum vorstellt. Man beginnt das Leben am Stamm, und jede Entscheidung, die man trifft (Beruf? Partner? Wohnort?) ist wie eine Astgabelung. Je nachdem, wie man sich entscheidet oder wie einem das Schicksal mitspielt, entfaltet sich das Leben etwas anders, aber es bleibt in seinem Wesen gleich. Vielleicht landet man in einem anderen Teil der Baumkrone als ursprünglich geplant, aber auch hier ist es schön, und es kommen sowieso noch viele Gabelungen und Chancen für neue Entscheidungen.

Das Bild leuchtete mir unmittelbar ein, und während ich noch darüber nachdachte, wurde mir von Minute zu Minute leichter zumute, und ein Gefühl von Freiheit und ganz unerwarteter Lebensfreude erfüllte mich. Ich empfand dieses Bild als sehr heilsam. Noch heute rufe ich es mir gerne immer wieder ins Bewusstsein, beispielsweise wenn ich das Gefühl habe, meine Kinder könnten vom Weg abkommen, wenn sie sich nicht ausreichend in der Schule engagieren.

Das schöne an solchen Bildern ist, dass sie lediglich Möglichkeiten aufzeigen, aber keinerlei Zwang ausüben. Ich kann mir das Leben wie einen Baum vorstellen, aber natürlich muss ich das nicht. Ich muss mich auch nicht vom Bild des Lebensweges lossagen, es hat schließlich auch seine Berechtigung. Ich darf mit diesen Metaphern spielen, und die wählen, die mir gerade gefallen, weil sie mir in einer bestimmten Situation einleuchtend oder stimmig erscheinen.

Eine Art inneren Zwang üben lediglich unbewusste Bilder aus. Solange mir nicht klar ist, dass ich das Leben als Weg zu einem Ziel sehe, kann es mich unter Druck setzen. Sobald ich es aber als eine von vielen möglichen Sichtweisen erkennen kann, löst sich der Druck.

Für mich sind solche inneren Bilder wie ein verborgener Schatz. Wenn ich mir die Bilder bewusst mache, hebe ich diesen Schatz, und gewinne neue Wahlmöglichkeiten hinzu. Anstatt einfach nur meine Arbeit zu machen habe ich nun eine Wahl: Adler oder Schmetterling? Anstatt einfach nur mein Leben zu leben habe ich eine Wahl: Weg oder Baum?

Doch der Wert der Bilder besteht nicht nur darin, dass sie uns einfach nur neue Wahlmöglichkeiten aufzeigen. Was mir noch wichtiger erscheint: sie schenken uns auch intuitiven Zugang zu genau dem Wissen, das wir brauchen, um eine gute Wahl zu treffen.

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