Dunkle Geheimnisse und der Wert der Vertraulichkeit

“Was würdet ihr tun, wenn Euch jemand erzählt, dass er sich vielleicht umbringen will — euch aber bittet, es nicht der Polizei oder einem Arzt zu sagen?” Die Frage, die ich während des Abendessens mit der Familie in den Raum stellte, war keine hypothetische Frage. Mein 13-jähriger Sohn war mit ihr nach Hause gekommen, nachdem er sich mit einer ehemaligen Klassenkameradin getroffen hatte.

Als ich noch aufs Eintreten einer nachdenklichen Stille wartete, hatte der 15-jährige Bruder bereits geantwortet: “Ja, das kommt halt drauf an.” Worauf es denn ankäme, fragte ich nach. “Es kommt darauf an, wem man etwas Gutes tun will. Wenn man dem anderen etwas Gutes tun will, dann behält man es für sich. Wenn man sich selbst etwas Gutes tun will, meldet man es. Dann braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn etwas passiert.” Nach kurzem Zögern wandte er sich noch an den kleinen Bruder. “Dabei helfen darfst du ihr halt nicht — sonst machst du dich strafbar.” Ich war etwas irritiert, dass er das “dabei helfen” überhaupt als Möglichkeit erwogen hatte, aber mich beeindruckte auch seine innere Klarheit. 

Nachdem sich auch die anderen geäußert hatten, stellte sich heraus, dass wir uns alle einig waren: das Mädchen zum Essen einladen, ihr ein Bett anbieten, ein offenes Ohr? Natürlich. Die Polizei oder den Arzt rufen, wenn sie das nicht will? Nein, auf keinen Fall. Ich war überrascht, denn meiner Erfahrung nach steht Vertraulichkeit in keinem guten Ruf. “Da muss man doch helfen!”, sagen die meisten. Helfen heißt dann: den eigenen Maßstab an das Leben der anderen anlegen — ihnen zuliebe natürlich.

Erst neulich wurde ich wieder daran erinnert, als an meiner Arbeitsstelle ein Training zum angemessenen Umgang mit sexueller Belästigung durchgeführt wurde. Mir wurde erklärt, dass ich jeden Verdachtsfall sofort dem Chef melden müsse, und der Chef wurde angewiesen, den Vorfall unverzüglich an die Personalabteilung weiterzuleiten. Vertraulichkeit, das wurde explizit gesagt, dürfe er nicht garantieren. Dass mir das nicht gefiel, verriet mir mein sich rasant beschleunigender Pulsschlag.  Vielleicht wissen sie nicht, wie das ist, dachte ich mir, und was sie mit solchen Vorschriften anrichten.

Mein Chef damals hat das besser gemacht — viel besser. Es gab damals noch keine solchen Richtlinien zum Umgang mit sexueller Belästigung, und der Gedanke an eine formelle Beschwerde lag mir völlig fern. Als ich zu ihm ging, war das einfach ein erster, vorsichtiger Schritt, mich für meine Bedürfnisse einzusetzen. Ich bat ihn, von einer Zusammenarbeit zwischen mir und einem bestimmten Kollegen abzusehen. Es sei da etwas vorgefallen, über das ich nicht sprechen möchte. Eine Zusammenarbeit wäre für mich unerträglich.

Das sei überhaupt kein Problem, sagte der Chef. Aber er würde schon gerne wissen, was passiert sei. Ich erklärte ihm, dass ich nicht über Details reden wollte, weil ich mich nicht auf eine Diskussion darüber einlassen wollte, was daran denn so schlimm gewesen sei. Etwas sexuelles im weiteren Sinne — soviel deutete ich noch an. Mein Chef sah das weniger locker als ich erwartet hatte. Er sei verantwortlich für das, was am Arbeitsplatz vor sich gehe, erklärte er mir, und er würde deshalb gerne genaueres wissen. Aber es sei selbstverständlich meine eigene Entscheidung.

Als ich später darüber nachdachte, konnte ich seinen Wunsch nachvollziehen. Für mein Anliegen waren die Details zwar nicht wichtig, aber für ihn schon. Womöglich machte er sich jetzt Gedanken und malte sich realitätsfremde Szenarien aus? Das wollte ich nicht. Als ich ihn am nächsten Morgen darauf ansprach, winkte er ab. Er hätte schon versucht, sich nichts auszudenken. Es sei ihm klar, dass das nicht sinnvoll sei. So ganz leicht sei das aber gar nicht gewesen, gab er nach einer Pause zögernd zu. Und so erzählte ich relativ detailliert, was passiert war. 

Als ich nach meinem Bericht unsicher zu ihm rüber schaute, wurde mir schnell klar, dass mein Versuch, das ganze als harmloses Missverständnis darzustellen, gescheitert war. Er war sehr aufgebracht, suchte nach einer Zigarette und lief im Büro auf und ab. “Auf diese Weise fängt man doch keine Affäre an!” sagte er fassungslos; fast so, als ob er sich nun fragte, ob es etwa seine Aufgabe sei, die Mitarbeiter diesbezüglich einzuweisen. “Und er hat sich nie dafür entschuldigt?” wollte er wissen. Ich verneinte. Er dachte eine Weile nach. “Ich hab da gestern was über kulturelle Unterschiede gesagt. Das möchte ich zurücknehmen. Mit Kultur hat das nichts zu tun.” Er war immer noch verärgert, und ein kleiner Teil seines Ärgers galt wohl auch mir, dass ich ihn am Vortag mit meinen vagen Andeutungen in die Irre geführt hatte. Ich saß da, staunte, und war gerührt, dass er sich eine Sache, die mich betraf, so zu Herzen nahm.

Schließlich sagte er: “Also, so können wir das jedenfalls nicht stehen lassen! Darüber müssen wir mit ihm reden!” Das kam für mich nun überhaupt nicht infrage. “Und wenn ich allein mit ihm rede?” hakte er nach. ”Ich kann das doch nicht einfach so hinnehmen!” Auch das wollte ich nicht. Ich konnte sehen, dass er mit meiner Antwort nicht zufrieden war. Er konnte wohl auch sehen, dass mir das reichlich egal war. So ganz aufgeben wollte er aber noch nicht: “Ich muss sowieso ein paar Tage weg.” sagte er. “Vielleicht denken wir beide in Ruhe darüber nach? Und danach reden wir nochmal?” Das war ein faires Angebot.

Ich ahnte nicht, was für eine Dynamik dieses Gespräch in mir auslösen würde. Ich selbst hatte den Vorfall nach einer schwierigen Phase schließlich als tragisches Missverständnis interpretiert, zu dem auch meine eigene Naivität erheblich beigetragen hatte. Diese Sichtweise brach auf einmal in sich zusammen. Mein Chef hatte Recht: der Kollege hätte sich zumindest entschuldigen können. Und eigentlich hätte er sich entschuldigen müssen. Mit dieser Einsicht kam die Wut. Ich wurde so wütend, wie ich es noch nie erlebt hatte und nie wieder erleben möchte. 

Als der Chef zurückkehrte, sagte ich ihm, es sei mir recht, wenn er mit dem Kollegen reden würde. Ich wolle aber nicht dabei sein, und danach auch keinen Kontakt mehr mit dem Kollegen haben. “Und wenn er sich entschuldigen möchte?” Ich sagte nichts. “Und wenn ich mit dabei bin?” Am liebsten hätte ich auch das verweigert, aber das kam mir unfair vor. Mit klopfendem Herzen sagte ich zu. Und so kam es schließlich doch zu einer direkten Aussprache, die ich eigentlich für undenkbar gehalten hatte. 

Was ich denn da dem Chef erzählt hätte, fragte mich der Kollege, und: “Du hältst mich wohl für ein Tier?” Sein aggressiver Ton überraschte mich, störte mich aber nicht. “Nein, ich sage nicht, dass du ein Tier bist. Ich sage nur: Was du getan hast, hat mich sehr verletzt.” Er war wütend: “Das redest du dir doch jetzt nur ein. Damals hat es dir nichts ausgemacht.” Und ich sagte: “Das stimmt nicht. Ich habe damals die ganze Nacht nicht geschlafen. Du kannst gerne meine Freundin fragen.” Er wirkte plötzlich betroffen und entschuldigte sich. Aber das war für mich nicht wesentlich. 

Wesentlich war etwas ganz anderes. Es war mir gelungen, dem ursprünglichen Kontrollverlust etwas entgegenzusetzen. Im Gespräch mit dem Kollegen bewies ich mir selbst: ich kann für mich selber aufstehen, und — wenn es darauf ankommt — tue ich es auch. Es war eine sehr heilsame Erfahrung. Dass ich den Mut dazu hatte, erfüllt mich noch heute mit Stolz. 

Das schlimmste am Erleben von Gewalt war für mich der Moment der Ohnmacht. Ich hatte mir die Souveränität rauben lassen, und egal wie viele berechtigte Gründe es dafür gab — ich konnte mir das sehr lange nicht verzeihen. Ich musste erst wieder lernen, mir selbst über den Weg zu trauen. Natürlich hatte ich auch ein Problem mit dem Kollegen, aber das trat völlig in den Hintergrund im Vergleich zu dem Problem, das ich mit mir hatte.

Mein Chef muss ein intuitives Gespür dafür gehabt haben, dass ich kein Mitleid, keine Behandlung mit Samthandschuhen, keinen Rächer und noch nicht einmal Gerechtigkeit brauchte; sondern die Erfahrung, Kontrolle über mein Leben zu haben. Er hat seine Sichtweise und Wünsche klar artikuliert, aber alle Entscheidungen ließ er wie selbstverständlich in meinen Händen ruhen. Nie schien er daran zu zweifeln, dass ich alles so entscheiden würde, wie es für mich am besten war. Die Erinnerung an dieses Vertrauen — zu einem Zeitpunkt, an dem ich selbst es verloren hatte — rührt mich noch heute zu Tränen. 

Es mag nett klingen, wenn ein Chef sagt: “Ich kümmere mich um diese Angelegenheit.” Doch er weckt damit unrealistische Hoffnungen, und, was noch viel schlimmer ist:  wenn er Entscheidungen trifft (mit oft massiven Konsequenzen für alle Beteiligten), erlebt sich das Opfer in einem kritischen Augenblick schon wieder ohne Handlungsspielraum und damit als ohnmächtig. Diese Ohnmacht ist allumfassender wie der ursprüngliche Missbrauch, weil ein Chef ja nicht als Privatperson handelt bzw. wahrgenommen wird, sondern als Vertreter der Gesellschaft. Es ist nur ein schwacher Trost für Betroffene, dass der Chef es wahrscheinlich nett gemeint hat, und sich auch exakt an die Richtlinien gehalten hat.

Man darf sich das nicht so vorstellen wie die unvermeidlichen Schmerzen, die einem von einem Arzt zugefügt werden, wenn er eine Wunde versorgt. Es ist eher wie bei einem Arzt, der dem Patienten weitere Wunden zufügt, bis sich der Patient verzweifelt beklagt, dass die ursprüngliche Verwundung nun das geringste aller seiner Probleme sei. Und dann lächelt der Arzt zufrieden. “Na sehen Sie — also war es doch nicht so schlimm, wie Sie erst dachten.” Ist das zynisch? Kann sein. Kann aber auch sein, dass die, die das zynisch nennen, noch nie mit Betroffenen gesprochen haben.

Ich will versuchen fair zu bleiben: ich verstehe natürlich auch, dass allgemeine Richtlinien nie allen Einzelfällen gerecht werden können. Kann man damit nicht leben? Muss man alles immer gleich so negativ sehen? Darf man nicht auch einfach darauf vertrauen, dass die Richtlinien in anderen Situationen ihren Zweck gut erfüllen? Diejenigen, die sie geschrieben haben, werden sich doch sicherlich etwas dabei gedacht haben! 

Ja, ich glaube auch, dass die Autoren der Richtlinien sehr genau nachgedacht haben — aber nicht über die Situation von Betroffenen, sondern darüber, wie sie die Organisation vor rechtlichen Problemen schützen können.  Sie werden von Anwälten geschrieben, und nicht etwa von Psychologen.

Funktionieren sie also, die Richtlinien zum Umgang mit sexueller Belästigung? Ich muss unwillkürlich an meinen Sohn denken. “Ja, das kommt halt drauf an.” Worauf es ankommt? Es kommt darauf an für wen. Für Organisationen funktionieren sie hervorragend. Für Betroffene erweisen sie sich oft als Katastrophe.

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