Der Weg in die Tiefe

Ich war noch recht klein, als einer meiner älteren Brüder beim Mittagessen behauptete: “In genau vier Wochen bricht der dritte Weltkrieg aus.” Ich war völlig verzweifelt, denn ich wusste: der dritte Weltkrieg würde ein Atomkrieg werden. Meine Mutter schien das ganze nicht sonderlich ernst zu nehmen, aber vielleicht hatte sie einfach nicht richtig zugehört. Schließlich hatte mein Bruder durchaus überzeugend argumentiert: ein Wahrsager, der bereits mehrere Ereignisse korrekt vorhergesagt hatte, hatte es prophezeit!

Ich verbrachte die nächsten Stunden in meinem Zimmer, und überlegte, was meine Puppe und ich am dringendsten benötigen würden, falls wir wochenlang im Keller ausharren mussten — doch die Pläne, die ich machte, beruhigten mich nicht, und so legte ich mich schließlich ins Bett und weinte. Ich weinte lange, bis das Kissen ganz nass war, und ich dringend aufs Klo musste. Auf der Toilette stellte ich überrascht fest, dass die Verzweiflung weg war. Obwohl sich meine Situation nicht geändert hatte, fühlte ich mich getröstet. Und nun stand ich vor einem großen Rätsel: Wer hatte mich getröstet?

Meine Eltern, sonst die Tröster vom Dienst, schieden aus — sie wussten ja nichts von meinen Sorgen. Meine Puppe? Aber eigentlich war sie ja nur ein Stück Plastik. War es der Kaffee-Duft, der von unten herauf stieg, die Vorfreude auf den Besuch von Oma und Opa? Nein, so dumm war ich nun nicht, zu glauben, dass Kaffee und Kuchen etwas gegen einen Atomkrieg ausrichten konnten. Ich selbst? Dass man sich selber trösten kann, schien mir schlichtweg absurd. Ob ich noch andere Möglichkeiten in Erwägung zog, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, welche Erklärung mich schließlich überzeugte: es war das Weinen, das mich getröstet hatte. Ich sagte mir: “Wenn man traurig ist, muss man einfach nur weinen, dann wird man getröstet.”

Diese Theorie habe ich in meinem Leben sehr oft überprüft und sie hat sich immer wieder bestätigt. Ich war ganz perplex, als mir eine gute Freundin gestand, dass sie es hasse, zu weinen. Sie sei danach immer so verzweifelt! (Für mich klang das ähnlich absurd, wie wenn sie mir erzählt hätte, dass Essen sie immer so hungrig macht.) Bei mir jedenfalls geschieht genau das Gegenteil.

Eigentlich geht es mir mit allen Gefühlen so. Wenn ich mich in sie hineinfallen lasse, lösen sie sich auf. Wenn ich beispielsweise wütend bin, und mir dann erlaube, so richtig wütend zu werden, dann löst sich die Wut auf, und darunter kommt etwas neues zum Vorschein — Mitgefühl vielleicht, oder Versöhnung. Das mag seltsam klingen, aber der Vorgang hat nichts magisches, ich beobachte einfach die Gedanken, die auftauchen, wenn ich mich auf das Gefühl einlasse. Diese Gedanken verändern meine Sichtweise, und meine Sichtweise verändert wiederum die Gefühle. 

Natürlich versuche ich oft, ein unangenehmes Gefühl wie die Wut einfach beiseite zu schieben. Wenn ich mich über einen Kollegen ärgere, der mich vor Kunden bloß gestellt hat, sage ich mir vielleicht: “Das ist halt ein Depp, was regst du dich auf?” Leider hört meine Wut selten auf derartige Argumente, und so ändere ich meine Strategie ins Gegenteil. Ich versuche nicht mehr, die Wut loszuwerden, sondern sie zu steigern. Ich halte mir die verletzende Situation vor Augen und beobachte, woran genau ich mich erinnern muss, um besonders wütend zu werden. Welche Gedanken steigen dann auf? Da ist beispielsweise der Gedanke: “Er hat überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie es mir dabei gehen könnte. So ein unsensibler Typ.” Und dann vielleicht auch: “Es ist ungerecht, dass er damit  durchkommt.” Und dann vielleicht auch: “Warum lasse ich mir dieses Verhalten eigentlich überhaupt bieten? Warum wehre ich mich nicht?”. An dieser Stelle schlägt das Gefühl um, und meine Wut richtet sich plötzlich gegen mich. Das ist kein Fortschritt, denn das fühlt sich noch deutlich unangenehmer an!

Aber ich bleibe in Gedanken bei der Situation und lasse meiner Wut freien Lauf: “Wie kann man nur so blöd sein, und sich so behandeln lassen?” Ich hacke so richtig auf mir herum, und nachdem ich mir das eine Weile angehört habe, kommt wieder ein neuer Gedanke: “Aber was hätte ich denn sagen sollen?” Und dabei taucht ein völlig neues Gefühl auf — die Hilflosigkeit, die ich fühlte, weil mir keine passende Antwort einfiel. Und gleich darauf kommt schon wieder ein neues Gefühl: Mitgefühl mit mir selbst, begleitet von einem Gedanken wie: “Du Arme, so eine verwickelte Situation — da ist dir so schnell keine gute Antwort eingefallen!”. Jetzt geht es mir plötzlich wieder gut. Während ich mir in aller Ruhe eine passende Antwort überlege, die ich dem Kollegen auch morgen noch sagen kann, merke ich, dass die Wut ist weg. Ich habe sie nicht weggeschoben. Ich musste nicht so tun, als ob mich das Verhalten des Kollegen nicht verletzt hätte. Ich musste auch nicht so tun, als wäre ich mit meiner eigenen Reaktion zufrieden. Aber ich habe mich mit der Situation versöhnt. (Ein guter Test: wenn ich jetzt wieder über das Verhalten des Kollegen nachdenke, spüre ich keine Wut mehr.)

Im Fernsehen habe ich einmal eine sehr eindrückliche Dokumentation über die Behandlung von Angststörungen durch die sogenannte Konfrontationstherapie gesehen. Darin wurde eine Frau gezeigt, deren Leben sehr durch ihre Angst vor Spinnen eingeschränkt wurde. Sie konnte beispielsweise nicht mehr Auto fahren, da sie Angst hatte, in der Garage könnte sich eine Spinne befinden. In der Therapie wurde sie nun mit Spinnen konfrontiert. Zu Beginn der Therapie musste sie Filme von Spinnen auf einem Fernsehbildschirm betrachten. Das versetzte sie anfangs in große Angst, aber nach einer Weile schien sie sich daran zu gewöhnen. In der Folge wurden ihr immer schwerere Aufgaben gestellt, bis die Frau zum Abschluss der Therapie in Anwesenheit ihrer ganzen Familie sogar eine Tarantel streicheln konnte. Es hat mich sehr beeindruckt zu sehen, dass sie nicht einfach nur gelernt hatte, die Angst zu überwinden, sondern dass sie tatsächlich keine große Angst mehr zu spüren schien. Die Konfrontation mit der beängstigenden Situation machte die Angst nicht etwa größer — wie man vielleicht erwarten würde — sondern kleiner. Bei der Angst ist es als ebenso wie bei Trauer und Wut. Erst wenn wir solchen Gefühlen immer wieder aus dem Weg gehen, entwickeln sie sich zu einem Drama. Wenn wir uns aber einmal dazu entschieden haben, das Gefühl aktiv zu fühlen, dann löst sich das Gefühl auf, und wird durch ein anderes ersetzt. 

Aber wohin führt dieser Weg? Wo kommt man hin, wenn man diesen Prozess immer weiter treibt, und bei jedem Gefühl nach dem darunterliegenden sucht? Dreht man sich dann im Kreis, oder kommt man irgendwo an? Mein Eindruck ist, dass der Prozess eine Richtung hat. Ich stelle mir vor, dass mich meine Gefühle in die Tiefe führen. Vielleicht sage ich das, um auszudrücken, dass ich mich in das Gefühl fallen lasse. (Und wohin sollte man fallen, wenn nicht in die Tiefe?) Mit jedem Gefühl, das sich auflöst, dringe ich weiter in diese innere Tiefe vor, und nähere mich dabei meiner eigenen Mitte an. Ganz analog dazu bezeichne ich Gefühle, die ich erlebe, wenn ich mich dieser Mitte nähere, als tiefe Gefühle. Zu diesen Gefühlen gehören neben dem Trost und dem Mitgefühl auch Gefühle wie Mut, Sehnsucht, Hoffnung und Inspiration.

Diese tiefen Gefühle, wie ich sie nenne, nehme ich oft auch körperlich wahr. Meine Brust weitet sich, das Gefühl durchströmt meinen ganzen Körper, mir wird warm. Oft werde ich mir meines Körpers sogar erst in dem Moment bewusst, in dem solche Gefühle auftauchen. Ich nehme an, das ist eine universelle Erfahrung, denn diese direkte körperliche Wahrnehmung drücken viele Menschen aus, wenn sie sagen: “Das hat mich berührt.” oder “Ich war ganz ergriffen.” Eine universelle menschliche Erfahrung ist wohl auch das, was mit unserem Körper passiert, wenn uns etwas besonders tief anrührt: unsere Stimme beginnt zu zittern, unsere Augen füllen sich mit Tränen.

Es kann durch Zufall passieren, vielleicht beim Betrachten eines Films, aber man kann sich auch gezielt auf den Weg machen, am einfachsten vielleicht durch das Beobachten der Gefühle. Dazu muss man nicht auf starke Gefühle warten — etwa wenn einem gekündigt wird, oder der Partner eine Affäre gesteht. Viel leichter geht es bei ganz alltäglichen Gefühlen. Ich frage mich beispielsweise manchmal an der Supermarktkasse: “Na, wie fühlst Du Dich gerade?” Meistens stelle ich dann fest, dass ich Durst habe. Manchmal stelle ich fest, dass es mir gut geht, und dass ich mich über die kleine Atempause an der Kasse freue. An anderen Tagen bin ich genervt von der Warterei. Auch wenn diese Ungeduld kein ungewöhnliches oder unpassendes Gefühl ist und es in dieser Situation sicher vielen so geht — es kann interessant sein, der Ungeduld nachzuspüren. Ist es vielleicht die ältere Frau, die nach Kleingeld sucht, die mich nervt, weil sie mich mit der Angst vor dem Älterwerden konfrontiert? Oder ist es eher die Kundin, die ihren Einkauf auf drei Rechnungen aufteilen will, und der es anscheinend völlig egal ist, dass ich jetzt den Bus verpasse? Vielleicht ärgere ich mich auch über niemanden konkret, sondern spüre, während die Uhr tickt, wie viel noch zu tun ist, und wie sehr mich der Alltag gerade überfordert. Dabei geht es nicht darum, zu entscheiden, ob diese Gefühle sinnvoll, berechtigt, oder angemessen sind. Aus meiner Sicht geht es nur darum, sie wahrzunehmen und zu fühlen, dann lösen sie sich früher oder später auf. Kann sein, dass ich mich bereits an der Kasse mit der Situation versöhnt habe und in guter Stimmung der Kassiererin etwas Nettes sage (oder mir selbst etwas Nettes aufs Band lege). Manchmal dauert es natürlich auch etwas länger, und ich brauche Geduld und Beharrlichkeit, um den Weg zurück zur eigenen Mitte zu finden. Doch gerade dann lohnt es sich besonders.

Erst kürzlich fiel mir auf, dass die tiefen Gefühle noch eine Gemeinsamkeit haben, die mir bemerkenswert erscheint. Sie zeichnen sich alle durch eine gewisse Ambivalenz oder Widersprüchlichkeit aus. Das Gefühl, getröstet zu sein, spürt man nicht ohne Trauer, ebenso wie man sich ohne Angst auch nicht mutig fühlt, und ohne Sorge auch keine Hoffnung haben kann. Sogar beim Mitgefühl sehe ich diese Mischung: ich habe Freude an der Verbindung zum Mitmenschen, aber gleichzeitig schmerzt mich der Schmerz dieses Menschen. Und wenn ich von einer Aufgabe zutiefst inspiriert bin, sehe ich nicht nur den möglichen Beitrag, den ich leisten könnte, sondern auch die schwierige Herausforderung.

Tiefe Gefühle — also Gefühle, die wir spüren, wenn wir uns von etwas berührt oder ergriffen fühlen — sind nicht eindeutig gut oder schlecht, angenehm oder unangenehm. Diese Gefühle beinhalten etwas von beidem. Das Bild in meinem Kopf ist das einer Umarmung: die Hoffnung umarmt die Sorge, der Mut umarmt die Angst, die Versöhnung umarmt die Wut, das Mitgefühl umarmt den Schmerz, der Trost umarmt die Trauer, und so weiter. Wenn ich mich meiner Mitte nähere, hören die Gefühle auf, miteinander zu streiten oder einander zu widersprechen. Auf einmal passen sie alle gut zusammen. Mir scheint es so zu sein: tief in meiner Mitte bin ich nicht gespalten, sondern ganz.

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