Vor ein paar Jahren stieß ich auf einem seltsamen Weg auf eine Frage, die mich lange Zeit nicht mehr losgelassen hat. Die arbeitsintensive Vorweihnachtszeit und die Festtage waren gerade überstanden, die Todo-Liste war endlich abgehakt, die Weihnachtsmenüs waren verzehrt und Kartons und Geschenkpapier lagen gebündelt im Keller. Da ergriff mich ganz unerwartet eine tiefe Sehnsucht nach Rückzug und Stille. Ich wollte nicht einfach nur in Ruhe über mein Leben nachdenken, vielmehr sehnte ich mich danach ganz für mich allein — vielleicht mit einem einfachen Ritual — das vergangene Jahr zu feiern. Aber wie? Weiterlesen “Credo, oder der Schatz im Misthaufen”
Innere Wahrheit
“Wenn du mir bei der Auswahl hilfst, geht es schneller”, sagte ich zu meinem Freund, als wir den Stoffladen betraten. “Ich möchte eine blaue Patchworkdecke nähen.” Mein Freund erwies sich nicht nur als hilfsbereit, sondern auch als effizient. Kaum hatte ich begonnen, den Blick prüfend über die Stoffe wandern zu lassen, da schleppte er schon vier schwere Stoffballen an — einer hässlicher wie der andere. Ich lachte erheitert auf, doch stellte sich heraus, dass er es ernst gemeint hatte. “Aber blau sind sie doch!” verteidigte er sich etwas verärgert. “Wo ist das Problem?” Weiterlesen “Innere Wahrheit”
Dunkle Geheimnisse und der Wert der Vertraulichkeit
“Was würdet ihr tun, wenn Euch jemand erzählt, dass er sich vielleicht umbringen will — euch aber bittet, es nicht der Polizei oder einem Arzt zu sagen?” Die Frage, die ich während des Abendessens mit der Familie in den Raum stellte, war keine hypothetische Frage. Mein 13-jähriger Sohn war mit ihr nach Hause gekommen, nachdem er sich mit einer ehemaligen Klassenkameradin getroffen hatte. Weiterlesen “Dunkle Geheimnisse und der Wert der Vertraulichkeit”
Bilderspiele
“Wie ein Messer, das durch Butter gleitet.” Das Bild muss irgendwie schon in meinem Kopf gewesen sein, bevor ich es für mich in diese Worte fasste. Vor meinem inneren Auge war also aus einem noch unbewussten Bild ein bewusster Gedanke geworden. Es kam mir wie ein wundersamer Zufall vor, denn das Bild hätte ja auch unbemerkt wieder zerfallen können wie ein un-erinnerter Traum. Warum hatte mein Gehirn diesen Gedanken erzeugt? War er eine irrelevante poetische Beigabe ohne Belang? Weiterlesen “Bilderspiele”
Abraham und Isaak
Es gibt Geschichten, die kennt man schon ewig, und eines Tages fällt einem plötzlich ein kleines Detail ins Auge, das bisher ganz unwichtig erschien, und die alte Geschichte bekommt eine völlig neue Bedeutung. Mir geht das öfter so, und so erging es mir auch bei der Geschichte von Abraham und Isaak. Das absurde daran: das Detail, das mir auffiel, kommt in der Geschichte gar nicht vor. Und doch erstrahlt Abraham auf einmal in einem überraschenden Glanz. Weiterlesen “Abraham und Isaak”
Das Lob der Neugier
Vor Jahren erzählte ich meiner Schwiegermutter am Telefon von den vielen Vorzügen unseres neuen Hauses — wie groß und gemütlich wir es fanden, und gut gelegen. Nur ein Supermarkt sei leider nicht in der Nähe. “Das braucht man doch nicht.” sagte sie. Ich verteidigte mich: es könne praktisch sein, wenn man beispielsweise Pfannkuchen machen will, und es sind keine Eier da. “Aber wieso gehen dir die Eier aus?” fragte meine Schwiegermutter erstaunt. “So etwas passiert einem doch nicht!” Weiterlesen “Das Lob der Neugier”
Identität oder der Wunsch, dazu zu gehören
Bei einem Mädelsabend während des Biologiestudiums betrachteten wir die in der Kneipe ausliegenden Zuckerpäckchen. Jedes Sternzeichen war darauf mit drei Eigenschaften charakterisiert, und wir diskutierten, wie gut das jeweils passte. Meine Freundinnen bedauerten, dass mein Steinbocktütchen fehlte, aber da ich den Zucker aus meiner Schulzeit kannte, konnte ich weiterhelfen: “Beim Steinbock steht: ernst, schweigsam, ehrgeizig.” Meine Freundinnen lachten wild durcheinander — sie fanden diese Zuschreibung absurd. Keine bemerkte, wie irritiert ich war. Weiterlesen “Identität oder der Wunsch, dazu zu gehören”
Strick-Meditation
Bei den Kindern wird gemeckert — und selber? Zum x-ten Mal sage ich mir: weg vom Handy! Der Google Feed mit seinen immergleichen schlechten Nachrichten tut mir nicht gut. Andererseits: was soll ich denn machen während der zwei S-Bahn Fahrten jeden Tag? Zuschauen wie alle anderen aufs Handy gucken? Da jucken irgendwann die Finger. Weiterlesen “Strick-Meditation”
Ohnmacht
Ich hatte den Nebeneingang gewählt, weil er von meinem Büro aus am schnellsten zu erreichen war, aber während ich im Treppenhaus die Stufen herunter lief, überfiel mich plötzlich panische Angst, die Tür könnte um diese Zeit schon abgesperrt sein. Doch ich hatte Glück. Ein Riesenglück — nicht nur wegen der Tür, auch sonst. Abgesehen von einer stürmischen Umarmung durch den Kollegen war nichts passiert. Weiterlesen “Ohnmacht”
Der Weg in die Tiefe
Ich war noch recht klein, als einer meiner älteren Brüder beim Mittagessen behauptete: “In genau vier Wochen bricht der dritte Weltkrieg aus.” Ich war völlig verzweifelt, denn ich wusste: der dritte Weltkrieg würde ein Atomkrieg werden. Meine Mutter schien das ganze nicht sonderlich ernst zu nehmen, aber vielleicht hatte sie einfach nicht richtig zugehört. Weiterlesen “Der Weg in die Tiefe”