“Wenn du mir bei der Auswahl hilfst, geht es schneller”, sagte ich zu meinem Freund, als wir den Stoffladen betraten. “Ich möchte eine blaue Patchworkdecke nähen.” Mein Freund erwies sich nicht nur als hilfsbereit, sondern auch als effizient. Kaum hatte ich begonnen, den Blick prüfend über die Stoffe wandern zu lassen, da schleppte er schon vier schwere Stoffballen an — einer hässlicher wie der andere. Ich lachte erheitert auf, doch stellte sich heraus, dass er es ernst gemeint hatte. “Aber blau sind sie doch!” verteidigte er sich etwas verärgert. “Wo ist das Problem?”
Schuldbewusst wollte ich das Problem erklären. “Also bei diesem Stoff ist das Muster zu großflächig. Wenn ich das in Stücke schneide, dann wirkt das Muster nicht mehr. Und dieser Stoff hier — da ist das Muster zu unruhig und kontrastreich. Der Kontrast zu benachbarten Stoffen kommt dann nicht zur Geltung.” Das war gut nachvollziehbar, wie ich fand. “Also das Muster muss kleinflächig sein und nicht zu kontrastreich”, wiederholte er. “Und auch nicht zu langweilig”, fügte ich nachdenklich hinzu. Mein Freund deutete auf den dritten Ballen: “Ist dieses Muster denn langweilig?” – “Nein, aber es ist zu starr, zu geometrisch. Ich möchte eher was fließendes, dynamisches.” Tapfer deutete er auf den vierten Ballen: “Und der?” Ich wurde langsam unsicher: “Hm. Ich finde die Farbe schrecklich. Das Blau hat einen Gelbstich … das sieht irgendwie schmutzig aus.” – “Das Blau sieht schmutzig aus?” Das Gesicht meines Freundes war ein einziges Fragezeichen. “Ich glaube, es geht doch schneller, wenn ich die Stoffe selbst aussuche”, lenkte ich ein.
Dieser Ladenbesuch stimmte mich nachdenklich. Meine Erklärungen hatten mich selbst nicht überzeugt. Es war einfach verdächtig, dass ich mir bei jeder neuen Frage weitere Erklärungen hatte einfallen lassen müssen. Nach nur vier Stoffballen so eine komplizierte Theorie! Es musste viel einfacher sein — schließlich sah ich mit einem einzigen Blick, ob die Kombination aus Farben und Mustern schön war oder nicht. Wieso war es mir komplett mislungen, meinem Freund zu erklären, was für mich eine schöne Stoffkombination ausmacht? Lag es vielleicht daran, dass die Erklärung komplizierter war, als ich erst angenommen hatte? Als ehemalige Naturwissenschaftlerin wollte ich meine anfänglichen Fehlversuche eigentlich nicht gleich überbewerten. Vielleicht musste man für eine brauchbare Theorie einfach mehr Zeit investieren.
Doch ich zweifelte. Ich hatte so ein Bauchgefühl, dass — egal wie komplex meine Theorie werden würde — es mir nicht gelingen würde, das Geheimnis eines schönen Quilts zu erfassen. Und dann wurde mir bewusst, dass meine Zweifel sogar noch viel grundlegender waren. Denn selbst wenn mir eine solche Theorie gelungen wäre — sie würde nicht den Kern der Sache treffen — jedenfalls empfand ich das so. Beim Thema Schönheit ging es schließlich nicht in erster Linie darum, Gegenstände zuverlässig den Kategorien schön und nicht-so-schön zuzuordnen. Es ging doch auch darum, etwas zu empfinden, wenn man einen schönen Gegenstand betrachtete. Es ging um eine Erfahrung — dass man etwas spürt. Und meine Erklärungen hatten dies völlig außer acht gelassen.
Wie könnte man einem Menschen diese Erfahrung von Schönheit vermitteln? Man könnte vielleicht auf einen Sonnenuntergang zeigen und sagen: “Das ist schön.” Und dann könnte man vielleicht noch auf etwas anderes zeigen und sagen: “Das finde ich auch schön.” Und wenn das nicht hilft? Dann ist man machtlos. Man kann schließlich niemanden zwingen, etwas bestimmtes zu spüren. Und wenn man es trotzdem versucht, erreicht man womöglich das Gegenteil. Denn wenn man sagt: “Der Sonnenuntergang ist schön, weil er eine Vielfalt von zarten Farben hat, weil Wolken und Himmel einen Kontrast bilden, weil er sich auf unvorhersehbare Weise von Augenblick zu Augenblick verändert” — würde dann nicht der irrige Eindruck entstehen, dass Schönheit etwas kompliziertes ist, und dass man viele verwirrende Regeln lernen muss, um sie zu erkennen? Würden diese Regeln nicht sogar von der Erfahrung von Schönheit ablenken? Auf einen Sonnenuntergang kann man aufmerksam machen. Logisch erklären kann man ihn nicht.
Vor ein paar Jahren kam einer meiner Söhne niedergeschlagen zu mir in die Küche. Erst nach einer Weile rückte er mit seinem Problem heraus: ein permanent schlechtes Gewissen. Als er auf mein vorsichtiges Nachfragen hin bedrückt aufzählte, was ihn belastete, musste ich feststellen, dass die Stimme seines Gewissens mich verdammt an die meine erinnerte. Von den vergessenen Hausaufgaben über das unaufgeräumte Zimmer bis zu den ungeputzten Zähnen stimmte seine Aufzählung fast exakt mit meiner Nörgel-Liste überein. Ich war unangenehm berührt. Hatte ich ihn mit meiner Anspruchshaltung zu sehr gefordert und zu wenig unterstützt? Das Ergebnis unserer kurzen Unterhaltung: auch ich hatte jetzt ein schlechtes Gewissen.
Und dabei steht doch in den Elternratgebern immer, dass man Schuldgefühle unbedingt vermeiden soll, weil die es für das Kind nur noch schlimmer machen. Leider steht in diesen Ratgebern nicht, wie man das macht. Meine Schuldgefühle kommen ungefragt und Gegenargumente sind ihnen völlig schnuppe. Mein schlechtes Gewissen ist kein logischer Gedanke, mit dem sich debattieren ließe. Es meldet sich körperlich — als Gefühl. Es grummelt in meinem Bauch, und ich kann mich nicht mehr so gut konzentrieren. Ich habe keine bewusste Kontrolle darüber. Ich kann ehrlich sein und zugeben, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, oder ich kann es leugnen. Das ändert aber nichts am schlechten Gewissen. (So wenig, wie es etwas ändert, wenn ich mir morgens im Bett sage: “Nein, ich muss jetzt nicht aufs Klo.”)
Wenn man darüber nachdenkt: es gibt neben Schönheit und dem schlechten Gewissen noch viele andere Erfahrungen, durch die wir nur durch Spüren Zugang gewinnen. Mir fällt beispielsweise der Zweifel ein. Im Augenblick, in dem ich zu zweifeln beginne, kann ich den Finger ja noch nicht auf das Problem legen. Erst mal spüre ich da nur etwas. Sobald ich den Fehler gefunden habe, kann ich rational argumentieren. Aber davor?
Wie nennt man diese Dinge, wenn sie nicht rational erklärbar sind? Irrational, unlogisch, unvernünftig? Nein, diese Begriffe erscheinen mir zu negativ. Sie suggerieren, dass das, was wir spüren, der Vernunft widerspricht. Aber ist es nicht eher so, dass sich manche Dinge der rationalen Betrachtungsweise einfach entziehen, ohne im Widerspruch mit ihr zu sein? Was wir spüren läge demnach in einer Welt jenseits von Vernunft und Unvernunft. Komisch, dass es kein gutes Wort dafür gibt. Man könnte solche Erfahrungen vielleicht als translogisch oder transrational bezeichnen, denn die lateinische Vorsilbe trans bedeutet jenseits — aber es nützt natürlich nichts, solche Wörter zu benutzen, wenn sie keiner versteht. Im Duden stehen sie jedenfalls nicht.
Ich bezeichne die Dinge, zu denen ich nur durch Spüren Zugang finde, manchmal als meine innere Realität. Der Begriff Realität drückt aus, dass sich diese Dinge meiner bewussten Kontrolle entziehen. Ob mir etwas schmeckt, ob ich einen Witz lustig finde, ob mir ein Mensch sympathisch ist — das kann ich nicht entscheiden. Es ist einfach so, wie es ist. Manchmal spreche ich auch von einer inneren Wahrheit, weil ich das Gefühl habe, zu lügen, wenn ich die innere Realität verleugne.
Aber welchen Stellenwert geben wir dieser inneren Wahrheit? Als Kinder der Aufklärung und der Säkularisation sind wir ja eher skeptisch, was das irrationale betrifft. Schließlich hat jeder schon einmal erlebt, dass das, was gestern als innere Wahrheit erspürt wurde sich heute unvermittelt ändern und als fatale Fehleinschätzung entpuppen kann. Andrerseits: ein rein rationales Leben ganz unter dem Diktat der Vernunft klingt ein wenig langweilig und freudlos. Wir könnten dem Irrationalen also vielleicht die Rolle eines Farbtupfers zuweisen: überflüssig, aber schön.
Als ich mir ein Leben ohne diesen Farbtupfer ausmale, fällt mir seltsamerweise Frau M. ein, eine Religionslehrerin an meiner damaligen Grundschule. Sie liebte Afrika und wickelte sich stets in buntgefärbte Tücher. In diesem ungewöhnlichen Outfit war sie Sommer wie Winter auf den Straßen unterwegs. Viele Jahre später traf ich Frau M. zufällig bei einem Vortrag in der Stadt, und ich stand dabei, als sie beim Umtrunk erzählte: “Das beste, was einem passieren kann, ist, dass man für verrückt erklärt wird. Dann hat man viel mehr Freiraum.” Ich fühlte mich ertappt. Auch ich hatte sie für verrückt gehalten. Aber nun sah ich sie mit neuen Augen. Wenn man sich das Ziel setzt, für verrückt gehalten zu werden, ist es ja durchaus vernünftig, sich im konventionellen Sinn unvernünftig zu verhalten. Man kann im Prinzip also gar nicht sagen, ob eine Handlung für sich genommen vernünftig ist. Es hängt immer vom Ziel ab.
Und was wäre ein durch und durch vernünftiges Ziel? Gesund und lange leben? Das Leben genießen? Autonomie? Die Welt verbessern …? Mit der Frage nach dem vernünftigen Ziel geht es mir am Ende wie mit der Frage nach dem schönen Quilt. Ich verheddere mich. Es ist paradox: es scheint mir vernünftig und sinnvoll, die Frage nach dem Ziel zu stellen, aber es gibt keine vernünftige, logisch folgerichtige Antwort darauf. Was wichtig ist im Leben, das kann ich nicht begründen oder herleiten, das muss ich erspüren. Es ist eine innere Wahrheit jenseits der Vernunft.
Ich bin ein bisschen geschockt, als mir das klar wird. Das oft mühsam nach den Regeln der Vernunft aufgebaute Kartenhaus des Lebens — es steht auf verdammt wackeligem Boden. Das Irrationale ist nicht die Farbe, die das Leben bunt macht — es ist der Boden, auf dem alles steht. Es ist die Grundlage, ohne die vernünftiges Handeln gar nicht möglich ist! Warum ist mir das erst so spät bewusst geworden? Ist das vielleicht so etwas wie ein blinder Fleck unserer Kultur?
Wie würde man wohl leben in einer Kultur, in der das Irrationale geleugnet werden muss? Wahrscheinlich dürfte man sich dort mit einer Frage wie der, was im Leben zählt, gar nicht wirklich auseinandersetzen. Denn wenn man es täte, würde man ja unweigerlich mit der eigenen Irrationalität in Kontakt kommen. Die Frage nach dem Ziel müsste verdrängt werden. Man würde sich Ausreden zurechtlegen: “Ich habe dafür keine Zeit. Es gibt wichtigere Probleme.” Das Steuer würde man weitgehend unbewussten Einflüssen überlassen: der menschlichen Biologie, dem Zufall, den Interessen der anderen. Dabei würde man so tun, als ob die resultierende Richtung offensichtlich ist — die einzig vernünftige.
Mir kommt dieses Szenario erstaunlich realitätsnah vor, und das mit dem blinden Fleck erscheint mir auf einmal recht plausibel. Dass wir kein richtiges Wort haben für das, was wir nur erspüren aber nicht erklären können — das kann ja nicht wirklich Zufall sein. Eigentlich ist das doch fast schon so etwas wie ein Omen. Die innere Wahrheit, sie wird dadurch nicht einfach nur entwertet. Ohne Wort wird dem Bewusstsein der Zugang zu ihr versperrt. Das Bild in meinem Kopf: eine Welt, der die Eingangstür fehlt.
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