Vor ein paar Jahren stieß ich auf einem seltsamen Weg auf eine Frage, die mich lange Zeit nicht mehr losgelassen hat. Die arbeitsintensive Vorweihnachtszeit und die Festtage waren gerade überstanden, die Todo-Liste war endlich abgehakt, die Weihnachtsmenüs waren verzehrt und Kartons und Geschenkpapier lagen gebündelt im Keller. Da ergriff mich ganz unerwartet eine tiefe Sehnsucht nach Rückzug und Stille. Ich wollte nicht einfach nur in Ruhe über mein Leben nachdenken, vielmehr sehnte ich mich danach ganz für mich allein — vielleicht mit einem einfachen Ritual — das vergangene Jahr zu feiern. Aber wie?
Etwas ratlos nutzte ich ein paar ungestörte Minuten, um mir Amazon Leseproben zu diesem Thema auf meinen Kindle herunterzuladen. Bei einer Leseprobe aber scheiterte ich, was mir noch nie passiert war. Immer wieder wurde mir mitgeteilt: “Die Leseprobe wird in Kürze in ihrem Home-Bereich angezeigt” — aber Fehlanzeige. Am nächsten Tag versuchte ich es nochmals, wieder ohne Erfolg. In einer Geste von Großzügigkeit mir selbst gegenüber (es war schließlich Weihnachten) entschloss ich mich, das Buch auf gut Glück zu kaufen, auch ohne Leseprobe. Nun erschien die Meldung: “Sie haben dieses Buch bereits am 27. 12 [vom Vorjahr] gekauft.” Daran hatte ich keinerlei Erinnerung, aber tatsächlich befanden sich Buch und Leseprobe bereits auf meinem Gerät, in der Tiefe des Home-Bereichs versteckt. (Nett eigentlich, dass Amazon mir das Buch nicht einfach nochmal verkauft hat.) Was mich dabei weit mehr beeindruckte als das Buch, war die Erkenntnis, dass ich offensichtlich im Vorjahr zur gleichen Zeit genau die gleiche Sehnsucht verspürt hatte.
Ein paar Tage später nahm ich ein Buch über Spiritualität aus meinem Bücherregal, und als ich es öffnete, fiel ein Zettel mit handgeschriebenen Neujahrsvorsätzen heraus, schon ein paar Jahre alt. Nun konnte ich das Muster nicht mehr übersehen. Einmal im Jahr — genau zwischen Weihnachten und Neujahr — erfüllt mich eine Sehnsucht. Ich möchte etwas zum Ausdruck bringen, aber ich weiß nicht wie. Ich blättere in Büchern herum und nach ein paar Tagen verpufft alles und ich vergesse es für die anderen 51 Wochen im Jahr.
Mich ärgerte diese Inkonsequenz. Wenn Spiritualität für mich ein wichtiges Thema war, dann wollte ich es ernsthafter angehen. Und wenn nicht, wäre es dann nicht ehrlicher, es gleich ganz fallen zu lassen? Ich war auf diesem seltsamen Weg unversehens auf die berühmte Gretchenfrage gestoßen: “Wie hältst Du’s mit der Religion?” Und genau wie Goethes Faust war ich verlegen, und wusste nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Glaube ich an Gott? Wer ist für mich Gott? Und was bedeutet es überhaupt, an ihn zu glauben?
Während ich begann, über mein Verhältnis zur Religion nachzudenken, wurde ich plötzlich von Erinnerungen überflutet. Da waren schöne Erinnerungen, die mich mit Dankbarkeit erfüllten, aber auch Erinnerungen an verletzende Erlebnisse, Konflikte, Auseinandersetzungen; und überraschend viele Erinnerungen an Begegnungen mit Menschen, die mit Religion vordergründig nichts zu tun hatten. Es war ein einziges Durcheinander! Und während ich ganz verwirrt diesem Strom aus Gedanken und Gefühlen zu folgen versuchte, formte sich ein Bild in meinem Kopf, eine Metapher für meine Beziehung zur Religion: ein großer dampfender Misthaufen, auf den ich all diese Erfahrungen geworfen hatte, kreuz und quer, und auf dem nun alles langsam vor sich hin faulte und rottete. So stand es also um meine Beziehung zur Religion? Ein ernüchterndes Bild, aber — wenn ich ehrlich war — ein durchaus treffendes.
Das sollte ich bei Gelegenheit mal aussortieren, sagte ich mir ohne großen Enthusiasmus, während ich den stinkenden Haufen aus sicherer Entfernung betrachtete. Doch dann änderte sich unvermittelt das Bild, und ich sah auf einmal mit erstaunlicher Klarheit: irgendwo da drin liegt ein Schatz begraben. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was der Schatz sein könnte, wofür die Metapher stand. Ich wusste einfach, dass er da war. Und dann erfüllte mich eine große und mir wohlvertraute Zufriedenheit. Es ist das Gefühl, das ich habe, wenn ich eine wirklich gute Frage gefunden habe. Was ist dieser Schatz?
Umgehend wollte ich mich auf die Suche machen. Aber wie sollte ich vorgehen? Konnte man den religiösen Glauben denn ausmisten wie einen überfüllten Kleiderschrank? Alles Stück für Stück durchgehen, und sich fragen: Passt das noch? Macht mich das glücklich? Wie steht es bei mir um den allmächtigen Vater, die Jungfrau Maria, die Auferstehung der Toten? Brauch ich das noch, oder kann das weg?
Meine Intuition sagte mir, dass mich eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten nicht weiterbringen würde. Ich wollte keinen Gott finden, der wie eine inspirierende Hypothese quasi als Anspruch über meinem Leben schwebte, und mich fragen, ob ich an diesen Gott glauben kann und will. Bei meiner Schatzsuche wollte ich das finden, an das ich tatsächlich schon glaubte, mit der mühelosen Selbstverständlichkeit echter Überzeugung, also ein Glaube, der sich in allen Facetten meines Alltags bereits zeigte — also auch mitten im Dreck — da, wo die Realität den Idealen nicht standhält.
Ich habe zwar nichts dagegen, wenn jemand sagt: “Ich glaube, dass Gott mich liebt.” Aber irgendwie empfinde ich es als unbefriedigend — wie eine abstrakte Wortverpackung ohne konkreten Inhalt. Eine Erklärung für etwas, das diese Person erlebt hat. Aber was war das konkrete Erlebnis? Wurde eine schwere Krise auf überraschende Weise überwunden? Wurden Gebete erhört? Gab es eine Begegnung mit einem außergewöhnlichen Menschen? Dieses Erlebnis würde mich hundertmal mehr interessieren als die Erklärung dafür. (Wahrscheinlich spricht da die Naturwissenschaftlerin in mir: eine Theorie begeistert mich erst, wenn ich sehe, welche Daten sie wie erklärt.)
Und so stellte ich mir schließlich meine Schatzsuche vor: ich wollte meine eigenen Lebenserfahrungen noch einmal ganz neu überdenken, um daraus vielleicht so etwas wie mein ganz persönliches Glaubensbekenntnis zu extrahieren.
Ich stieß dabei jedoch auf ein unerwartetes Problem: über die innere Welt wird eigentlich nie gesprochen, und wenn man über Dinge nie spricht, dann fehlen einem die Worte, und zwar nicht nur im übertragenen Sinn, sondern im buchstäblichen. Und ohne Sprache kann man nicht wirklich nachdenken. Oder jedenfalls kann ich das nicht. Schon der Begriff Glaube ist mehrdeutig. Handelt es sich dabei um eine Vermutung, eine Meinung, eine Annahme? Es mag wie ein harmloses Problem klingen, aber ich fühlte mich tatsächlich eine Weile so, als würde ich vor lauter Sprachlücken im Mist versinken, verzweifelt auf der Suche nach irgendwelchen tragenden Begriffen und Konzepten.
Und dann wurde ich plötzlich fündig und entdeckte ein brauchbares Wort — die Seele. Ich gebe zu: es ist ein etwas angestaubter Begriff. Ich verband ihn lange mit dem Bild meiner mir damals uralt erscheinenden Religionslehrerin aus der ersten Klasse. Ein Mitschüler hatte gesagt: “Wenn wir sterben, fliegt die Seele in den Himmel.” Und meine Lehrerin hatte ihn korrigiert: “Die Seele fliegt nicht in den Himmel, sie kommt in den Himmel.” Lange quälte ich mich (ergebnislos) mit der Frage, wie die Seele wohl in den Himmel kommt, ohne zu fliegen. Aber was die Seele eigentlich sein soll, darüber haben wir uns in der Schule nie Gedanken gemacht.
Heute verstehe ich unter meiner Seele das, was sich meldet, wenn ich mich berührt oder ergriffen fühle. Ich spüre meine Seele, wenn meine Stimme anfängt zu zittern und mir die Tränen in die Augen steigen. Die Seele meldet sich aber nicht nur körperlich, sondern auch über Gedanken, und zwar in einer ganz besonderen Sprache: überraschende Bilder, die unvermittelt in meinem Kopf auftauchen und mir Unbewusstes bewusst machen. So ein Bild wie der Schatz im Misthaufen. Ein Bild, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht, und mir auf seltsamste Art und Weise einen Weg zu zeigen scheint.
Mir ist bewusst, dass meine Vorstellung von der Seele stark von den Theorien von C. G. Jung inspiriert ist, und so bin ich mir nicht sicher, ob man mich überhaupt verstehen wird, wenn ich den Begriff Seele auf diese Weise verwende. Was sich andere wohl darunter vorstellen? Einer meiner Söhne muss als Versuchskaninchen herhalten. Etwas ungern gibt er zu, dass er mir nicht sagen kann, was das Wort bedeutet, und fügt dann hinzu: “Jedenfalls weiß ich, dass es ein unwichtiges Wort ist.” Der erste Erwachsene, den ich frage, erklärt: “Unter der Seele stelle ich mir so etwas ähnliches vor wie den Verstand.” Ich kann also definitiv nicht davon ausgehen, dass man mich verstehen wird.
Aber das ist mir erst mal egal, denn plötzlich erkenne ich begeistert: ich habe den Anfang meines Credos gefunden: “Ich glaube, dass ich eine Seele habe, und dass es sich lohnt, auf sie zu hören.” Es klingt mir zwar fast zu trivial, zu offensichtlich, aber dann muss ich zugeben: beweisen kann man das nicht, dass sich das lohnt. Ich kann zwar auf heilsame Erfahrungen im eigenen Leben verweisen, aber selbstverständlich ist es möglich, dass alles noch viel besser gekommen wäre, wenn ich die Botschaften der Seele ignoriert hätte. Dass es sich lohnt, auf die Seele zu hören, das kann man nur glauben oder eben nicht glauben. Und ich glaube es. Sonst hätte ich ja das Bild vom Misthaufen einfach ignoriert, und nicht versucht, zu erspüren, was es mir sagen will.
Anfangs möchte ich mein Credo noch erweitern. Ich finde, es sollte einen deutlicheren religiösen Bezug haben und auch Aussagen zu Gott beinhalten. Aber mir fällt nichts rechtes mehr ein. Und vielleicht enthält mein Credo auch schon alles, was ich an Glauben brauche. Der ganze Rest ergibt sich ja eigentlich von selbst, denke ich mir.
Eine Weile fühle ich mich zwar noch etwas verloren — so, als ob ich plötzlich vor einem leeren Kleiderschrank stehe, in dem gerade noch ein Stück hängt. Irgendwie nackt fühlt sich das an. Habe ich es mit dem Ausmisten übertrieben? Soll das wirklich alles sein? Aber mit einem Glaubensbekenntnis ist es ja so: man braucht nicht mehrere für verschiedene Gelegenheiten. Ein Credo soll schließlich immer passen — im Alltag, bei der Arbeit, in der Freizeit, bei besonderen Anlässen. Und man braucht ja auch keines zum Wechseln.
Ob die Seele vielleicht sogar schon der Schatz ist, den ich gesucht habe? Ich bin mir nicht sicher. Eigentlich denke ich, dass die Seele eher wie ein Wegweiser ist, der uns zum Schatz führt. Eine Art Hinweis. Und zwar ein ziemlich guter Hinweis. Ich persönlich glaube: der alles entscheidende.
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