“Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit.” Die erste Zeile des bekannten Volkslieds hinterlässt bei mir keinen so guten ersten Eindruck. Ich denke dabei an Menschen, die übertrieben stolz auf ihr Heimatland sind, obwohl sie doch, wie mir scheint, für ihre Herkunft gar nichts können. Doch trotz des nicht gerade vielversprechenden Anfangs geht das Lied danach wunderschön weiter: „Wo wir uns finden, wohl unter Linden, zur Abendzeit.“ Dieser Satz hat mir schon als Kind gefallen, und er berührt mich immer noch. Er weckt eine vage Sehnsucht in mir — das Wort „Abendstille“ fällt mir ein, und tatsächlich auch das Wort „Heimat“.
„Da haben wir so manche Stund’, gesessen da in froher Rund. Und taten singen, die Lieder klingen im Eichengrund.“ Wenn ich so darüber nachdenke: es muss schon eine ganze Weile her sein, dass ich mich dort eingefunden habe: zur Abendzeit, unter den Linden (oder im Eichengrund). Ob ich die Lagerfeuer in den Zeltlagern meiner Jugend einrechnen darf? Auch wenn ich das natürlich darf (wer sollte es mir denn verbieten), so wird mir doch klar: dieses Lied spricht von einem Erbe, das verloren gegangen ist. Das Gefühl von Wehmut, das ich dabei empfinde — ist es vielleicht das, was die Menschen dazu veranlasst, über den Verlust der Heimat zu klagen? (Die Leute die stolz sind auf die Heimat, klagen ja oft gleichzeitig über deren Verlust.)
In unserer Familie finden wir uns zur Abendzeit am Esstisch ein. Das ist ja prinzipiell auch ein guter Ort, und allemal ein besserer Platz als vor dem Smartphone. Aber die vielbeschworene Familienmahlzeit klingt in der Theorie oft gemütlicher, als sie in der Praxis ist. Insbesondere wenn die Kinder noch klein sind: das Essen schneiden, ein abgelenktes Kleinkind füttern während das Baby im Arm quengelt, verschütteten Apfelsaft aufwischen, mit etwas Glück Gespräche in Babysprache, mit weniger Glück Geschrei. Keine Chance das Essen in Ruhe zu genießen. Mein Mann und ich fanden das einfach nur anstrengend.
Das wurde mit der Zeit natürlich besser. Mit drei Schülern am Tisch erinnert das Essen jetzt eher an eine Teambesprechung. Wann ist das Fußballspiel vom Jüngsten, und kann er irgendwo mitfahren? Wer kann dem Mittleren das Fahrrad ausleihen (seins ist leider platt)? Hat irgendjemand zufällig die Religions-Ex vom Großen herumliegen sehen? Wollen wir am Wochenende etwas unternehmen? Hat jemand noch 8,50 Euro (bitte passend) für den Schulausflug griffbereit? Können wir nachher was auf Ebay bestellen?
An anderen Tagen erinnert das Tischgespräch eher an eine Grundsatzdebatte. Es wird begonnen mit der Frage, ob es in Ordnung war, dass derjenige, der die Teller gedeckt hat, die Gläser zur Seite geschoben hat, die der Bruder bereits auf den Tisch gestellt hatte. Die offensichtliche Frage, die hier erörtert werden muss: Hätte es da nicht eine bessere Alternative gegeben? Von dort geht es nahtlos über zu einer Debatte darüber, ob es sich hierbei um eine sinnlose Debatte handelt, oder vielleicht doch um eine gerechtfertigte? Das wiederum wirft die noch grundlegendere Frage auf, wer eigentlich überhaupt das Recht hat, zu entscheiden, ob eine Debatte sinnvoll ist oder nicht. Eine tolle Streitkultur hätten meine Kinder, hat mir mal ein Bekannter gesagt. Das macht mich einerseits stolz, andererseits fände ich etwas mehr Abendstille manchmal auch ganz schön.
Dabei ist es natürlich immer noch lustiger, Zuhörer solcher Debatten zu sein, als Zuschauer beim Spiel: wie kann ich die gut gelaunten und mir eigentlich wohlgesonnenen Brüder möglichst effektiv provozieren? Wird es mir gelingen, dass sie am Schluss genauso schlecht gelaunt sind wie ich — vielleicht sogar noch schlechter? Getoppt wird diese Darbietung nur noch vom Kreuzverhör, und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass meist ich es bin, die damit anfängt: Sind die Hausaufgaben schon gemacht? (Warum nicht? Was habt ihr eigentlich den ganzen Tag getan?) Habt ihr den Französischtest herausbekommen? (Warum lief das nicht besser? Wie soll das eigentlich weitergehen?) Da haben wir so manche Stund, gesessen da in froher Rund? Tiefer kann man kaum sinken, was Tisch- und Familienkultur betrifft. Für einen dringend notwendigen Themenwechsel ist es bereits zu spät, keinem fällt mehr etwas zu sagen ein.
Irgendwann habe ich mir daher ein Thema für Notfälle zurechtgelegt — idealerweise schon bevor alles eskaliert. Es ist eigentlich kein Thema, sondern eine Frage: “Wer hat heute etwas lustiges oder trauriges erlebt, von dem er uns erzählen kann?” Diese Frage hört sich vielleicht erstmal ganz ähnlich an wie die Frage: “Und was habt ihr heute so gemacht?”, auf die man ja meist banale Antworten bekommt wie: “Ich war in der Schule, und danach habe ich Hausaufgaben gemacht.” Doch meine Frage ist in einem entscheidenden Punkt anders. Sie richtet das Augenmerk nicht auf die Tätigkeiten, sondern auf die Gefühle des Tages. Habe ich heute über etwas gelacht? War ich heute traurig?
Da müssen alle erst mal nachdenken, und für einen Augenblick tritt Stille ein am Tisch (und das ist nicht das schlechteste an dieser Frage). Dann erinnert sich eins der Kinder an die Musikstunde — das war lustig: Der Lehrer hat die Ex beim Korrigieren verschlampt, er hat deshalb nochmal eine geschrieben. Die war nun ganz leicht, damit sich keiner beschwert! Ein anderer spricht von seiner Enttäuschung über eine schlechte Note. Er hatte gelernt, und sich mehr erhofft. Der Jüngste erzählt vom Sportunterricht. Er fand es gemein von der Lehrerin, als sie sagte, dass die Tore von denen, die im Fußballverein spielen, nicht gezählt werden, weil dann das Spiel gerechter wird. Wir Eltern sind erstaunt. “Das kenn ich.” sagt der Mittlere. “Bei uns haben sie damals die Tore von den Mädchen doppelt gezählt!”
Und plötzlich ist es da, das Familiengespräch, das diesen Namen auch verdient. Wie würde es das Spiel verändern, wenn plötzlich jedes Tor mit der Fähigkeit des Spielers gewichtet würde? Was würde man dabei lernen? Wäre es ein schöneres Spiel? Und wäre das gerechter? “Also ich finds einfach komisch.” sagt der Älteste. “Wenn man gefragt wird, wie das Spiel ausging, und man sagt: wir haben 1,7 : 2,3 verloren.” Alle müssen lachen, nicht nur ein bisschen, sondern richtig. Es ist nur ein kurzer, magischer Moment, aber während sich mein Mann eine Lachträne aus den Augen wischt, spüre ich es mit allen Sinnen: hier bin ich daheim. Da haben wir so manche Stund, gesessen da in froher Rund. Plötzlich scheint es möglich.
Heimat ist eng mit Sprache verbunden. Da, wo man unsere Sprache spricht, da sind wir daheim — so sagt man. Aber geht es wirklich nur darum, welche Wörter man benutzt, und nach welchen grammatikalischen Regeln man sie kombiniert? Ich fühle mich an einem Ort noch lange nicht Zuhause, nur weil dort Deutsch gesprochen wird. Wichtiger ist, worüber gesprochen wird. Es genügt einfach nicht, wenn wir uns nur gegenseitig darüber informieren, welchen Beitrag wir uns von den anderen zu einem reibungslosen Ablauf des Alltags wünschen. Es genügt auch nicht, wenn wir im Detail aufzählen, was wir den lieben langen Tag getan haben. Und sicherlich hilft es auch nicht, wenn wir mit wortreichen Argumenten darüber diskutieren, wer Recht hat, oder einander erklären, was jeder besser machen kann. Ich würde es so sagen: Zuhause bin ich erst dort, wo wir einander erzählen, was uns berührt, und wo wir uns dann auch verstanden fühlen.
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Manchmal, da werden uns wertvolle Dinge von anderen geraubt, und manchmal, da kommen sie uns einfach abhanden. Man hat sie irgendwo vergessen, oder verlegt, oder einfach nicht mehr an sie gedacht. Und man merkt lange nicht, dass sie fehlen. Ich glaube, so geht es uns mit der Sprache des Erzählens.
Wir haben das Lied “Kein schöner Land” im Jahr 1990 gesungen. Wir sind mit einem Bus voller Leute aus Haar bei München nach Radeberg bei Dresden gefahren. Dort haben wir mit den Mitgliedern der dortigen Pfarrgemeinde die Wiedervereinigung unseres Landes gefeiert haben und gemeinsam “Kein schöner Land in dieser Zeit als hier das unsre weit und breit…”. Das Lied bekam eine ganz neue Bedeutung, ich war sehr berührt und bin es heute noch, wenn ich daran denke. Freut sich eigentlich heute noch jemand über die deutsche Einheit? Ich lade euch dazu ein.
Liebe Theresa,
Man kann sich gut vorstellen, wie bewegend dieses gemeinsame Singen war. Solche Augenblicke, in denen wir uns tief berührt fühlen, sind für mich wie ein Fingerzeig: sie zeigen auf das, was uns wirklich wichtig ist.
Liebe Grüße,
Alicia