Identität oder der Wunsch, dazu zu gehören

Bei einem Mädelsabend während des Biologiestudiums betrachteten wir die in der Kneipe ausliegenden Zuckerpäckchen. Jedes Sternzeichen war darauf mit drei Eigenschaften charakterisiert, und wir diskutierten, wie gut das jeweils passte.  Meine Freundinnen bedauerten, dass mein Steinbocktütchen fehlte, aber da ich den Zucker aus meiner Schulzeit kannte, konnte ich weiterhelfen: “Beim Steinbock steht: ernst, schweigsam, ehrgeizig.” Meine Freundinnen lachten wild durcheinander — sie fanden diese Zuschreibung absurd. Keine bemerkte, wie irritiert ich war. Ich hatte erwartet, dass alle sagen würden, dass mich diese Eigenschaften perfekt charakterisierten, so wie es meine früheren Freundinnen und Freunde immer behauptet hatten. Diese Diskrepanz in der Einschätzung verwirrte mich. Wer hatte Recht? Wahrscheinlich habe ich einfach mehrere Seiten, dachte ich mir schließlich. Mal bin ich ernst und schweigsam, mal laut und lustig.

Während des Hauptstudiums, das ich in Israel verbrachte, musste ich mich für ein Laborpraktikum entscheiden. Da ich das Arbeiten mit Reagenzglas und Pipette hasste, blieben mir nur wenige Möglichkeiten, und ich entschied mich zu einer Tätigkeit am Mikroskop, obwohl ich mangels Begabung oder Geduld beim Zeichnen auch mit dem Mikroskop eher ungute Erinnerungen verband. Der israelische Laborleiter zeigte mir Fotos von Gewebeschnitten, die an völlig verknotete Wollknäuel erinnerten. Sollte ich das abzeichnen? Der Laborleiter betonte, dass ich extrem sorgfältig und genau arbeiten müsste, sonst wäre es für ihn wertlos. Mit einer Zuversicht, die ich mir wohl bei den Israelis abgeschaut hatte, sagte ich zu. Als ich einer deutschen Studienfreundin davon erzählte, war sie entsetzt. “Ist das dein Ernst? Willst du nicht lieber absagen, und etwas anderes machen?” Ich dachte mir aber insgeheim, es wäre besser, eine wertlose Arbeit abzuliefern, als Dinge kaputt zu machen — wie in meinem ersten Praktikum — als ich wichtige Ausgangsmaterialien verunreinigt hatte.

Und dann die große Überraschung: mein neuer Chef lobte enthusiastisch meine Sorgfalt und Genauigkeit. Ich hatte seine Erwartungen weit übertroffen. Als ich meine Verwunderung darüber äußerte, sagten mir israelischen Studienfreunde: “Aber das ist doch klar, dass er zufrieden ist — so penibel und pedantisch wie du immer bist.” Die so verschiedenen Sichtweisen erklärte ich mir schließlich mit einem kulturellen Unterschied: in Deutschland bestand wohl eine ganz andere Erwartungshaltung in Bezug auf Sorgfalt und Ausdauer als in Israel.

Erfahrungen wie diese haben meine Vorstellung von Identität grundlegend infrage gestellt. Ich hatte davor angenommen, dass ich meinem Wesen nach bestimmte Eigenschaften hätte, die ich im Laufe meines Lebens immer präziser erkennen würde. Am Lebensende wüsste ich dann ziemlich genau, wer ich bin — welchen Punkt im multidimensionalen Eigenschaftsraum ich also besetze. Und nun war genau das Gegenteil passiert. Meine Identität zog sich nicht auf einen Punkt zusammen, sondern sie erweiterte sich zu einer Wolke aus widersprüchlich erscheinenden Eigenschaften. Ich wechselte also meine Vorstellung von Identität: ich bin nicht entweder-so-oder-so, sondern ich bin so-und-auch-so.

Eine Folge dieser Vorstellung ist, dass ich mich weniger mit meinen Eigenschaften identifiziere. Ich denke nicht mehr: “Ich bin unordentlich.” Ich stelle mir eher vor, dass da eine Chaotin in mir wohnt — aber eben auch eine kleine Ordnungsfetischistin (erfreulicherweise eine recht zurückhaltende). Tatsächlich stelle ich mir meine Eigenschaften oft als innere Personen vor, und mein Selbstbild kann man sich als bunte Truppe von widersprüchlichen Persönlichkeiten vorstellen, mit jeweils sehr unterschiedlichen Vorstellungen davon, was in einer bestimmten Situation zu tun ist. Das führt natürlich zu vielen internen Debatten und Konflikten, was ich aber nicht als schlimm empfinde. Eigentlich ist es sogar recht unterhaltsam!

Ein angenehmer Seiteneffekt: man muss sich nicht mehr so oft über die Mitmenschen ärgern. Es fällt schwer, sich über eine verkrampfte Feministin, einen arroganten Schnösel oder einen pingeligen Bürokraten zu empören, wenn man an sich selbst ganz ähnliche Seiten kennt. Man wird wie von selbst toleranter und entspannter. Doch das funktioniert nicht immer. Manche Menschen strapazieren trotzdem meine Nerven. Beispielsweise geht es mir so mit Menschen, die großen Wert auf die eigene Identität legen, und sich Sorgen machen um den Identitätsverlust.

Mich stört dabei vor allem der versteckte Vorwurf, dass ich durch meine Haltung zum Untergang der christlich-abendländischen Kultur beitrage — nur, weil mir vielleicht das Thema Einwanderung nicht so zentral erscheint. Ich kann mich nicht gut wehren, weil ich der Logik des Angriffs nicht recht folgen kann. Wie sollten Menschen aus anderen Kulturen mir meine Identität rauben? Es erscheint mir durchaus plausibel, dass sich meine Lebensumstände durch diese Menschen ändern könnten, aber auf meine Identität — die vielen inneren Personen — haben sie doch keinerlei Zugriff! Sowieso betrachte ich auf meinem Erfahrungshintergrund Menschen aus anderen Kulturen eher als Bereicherung denn als Bedrohung, denn meine inneren Ausländer, die ich erst fernab der Heimat entdeckte, steuern bei wichtigen Entscheidungen oft extrem wertvolle Perspektiven bei.

Vielleicht kann ich die Sorgen meiner Freunde nicht nachvollziehen, weil ich eine andere Vorstellung von Identität habe? Ich frage bei einer kritischen Freundin nach. “Deine Identität ist das, was du bist.” sagt sie mir, was ich nun nicht sonderlich hilfreich finde. So versucht sie es als nächstes mit einem konkreten Vorschlag: “Vielleicht ist es deine Identität, dass du so schlau bist.” Ich bleibe skeptisch. Mag sein, dass ich mich manchmal schlau verhalte, aber manchmal halt auch ziemlich idiotisch. Das soll meine Identität sein? Ein Aha-Erlebnis fühlt sich anders an. Dann aber kommen wir doch noch auf ein paar Dinge, die ich bin: Ich bin eine Deutsche, ich bin eine Mutter, ich bin eine Software-Entwicklerin, ich bin eine Frau. Sie hat Recht! Ich würde tatsächlich nicht sagen: da ist eine Frau in mir. Ich identifiziere mich als Frau. “Siehst du!” sagt meine Freundin zufrieden. “Genau das ist deine Identität! Verstehst du es jetzt?”

Verstanden habe ich leider noch nichts. Warum sollte ich stolz auf diese Identitäten sein? Damit will ich nicht sagen, dass ich mich ihrer schäme, vielmehr erscheinen sie mir neutral und irgendwie nebensächlich. Warum auch soll ich mir da groß Gedanken machen? Wer würde Zweifel an meiner deutschen Identität äußern? Sie steht doch schwarz auf grün in meinem Pass. Und kann ich nicht davon ausgehen, dass sich meine weibliche Identität vollautomatisch aus meinem Frau sein ergibt, ohne dass ich in dieser Hinsicht speziell aktiv werden müsste?

Doch dann sehe ich vor mir den irritierten Blick beim Smalltalk mit einer Unbekannten. Du bist Software-Entwicklerin? Echt jetzt? Unverhohlen die verletzende Unterstellung, dass mit mir irgendwas nicht ganz stimmt — dass ich meine Weiblichkeit verdränge, wenn ich mir nicht nur den fachlichen Respekt der männlichen Kollegen erworben habe, sondern diesem Beruf auch noch mit Begeisterung und Freude nachgehe. Mir fällt auch mein Großvater ein, der mein männliches Gehirn lobte. Er meinte es nett. Er war stolz auf die Enkelin, von der er hoffte, sie werde mal Jura studieren — doch sein Kompliment hatte einen bitteren Beigeschmack.

Viel zu spät wurde mir bewusst, dass Wörter wie Frau, Mutter, Deutsche oder Software-Entwicklerin alle zweideutig sind. Für den Verstand sind sie ein Fachbegriff. Eine Mutter ist beispielsweise eine Frau, die ein Kind bekommen hat. Für die Seele aber sind diese Begriffe Bilder. Unser Mutterbild verkörpert unsere subjektive Vorstellung davon, wie eine richtige Mutter ist oder sein soll. Das Wort “richtige” ist dabei der entscheidende Hinweis, dass vom inneren Bild die Rede ist und nicht vom Fachbegriff.

Und so komme ich doch noch zu meinem Aha Erlebnis: es geht beim Thema weibliche Identität ja gar nicht um die Frage, ob ich eine Frau bin! Es geht darum, ob ich eine richtige Frau bin. Mit dieser Erkenntnis klärt sich alles. Eine richtige Frau bin ich nicht. Zwar wohnt eine in mir — so eine warmherzige, attraktive, kommunikative, kinderliebe, kompetente, patente Superfrau — aber da wohnen halt auch noch ganz andere Gestalten. Wenn mir jemand unterstellen will, dass man als Software-Entwicklerin die weibliche Identität verleugnet, übersetze ich mir die Aussage nun so: “Das Bild, das ich mir von einer (richtigen) Frau mache, passt nicht zum Bild, das ich mir von einem (richtigen) Software-Entwickler mache.” Und damit kann ich wirklich gut leben.

Trotzdem ist es mir unangenehm, wenn jemand so betont weiblich tut (oder so betont bayerisch, oder so betont christlich). Ich habe den Eindruck, einer Theatervorführung beizuwohnen, bei der sich jemand krampfhaft bemüht, eine Rolle bis in jedes Detail perfekt zu spielen. Warum dieses Rollenspiel, frage ich mich? Warum nicht einfach authentisch so sein, wie man wirklich ist? Ich bemühe mich um Toleranz, aber es regt mich einfach auf!

Das mit der Toleranz gelingt mir erst, als ich schließlich erkenne, dass ich genauso bin. Dass auch in mir so eine Rollenspielerin wohnt. Ich singe beispielsweise sehr gerne Weihnachtslieder. Ich empfinde dabei ein Gefühl der Verbundenheit mit den vielen Generationen vor mir, die diese Lieder ebenfalls gesungen haben. Dabei nehme ich in Kauf, dass nicht jeder Text authentischer Ausdruck meiner religiösen Überzeugung ist. Auch ein Kompromiss. Oder ich überlege bei einem Abendessen im Kreis der männlichen Kollegen, ob ich nicht lieber auch den Schweinsbraten nehmen soll wie alle anderen. Eigentlich hätte ich Lust auf den Fitness-Salat, will aber nicht schon wieder auffallen. Ist das nun schlimm? Ich glaube nicht. Der Mensch ist ein soziales Tier. Wer aus der Gemeinschaft ausgestoßen wird, hat keine Überlebenschance. Wir brauchen den Stamm, die Herde, und es ist nur natürlich und sinnvoll, dafür auch mal Kompromisse einzugehen.

Die Menschen, die sich Sorgen um den Identitätsverlust machen — plötzlich kann ich sie ein bisschen besser verstehen. Wir leiden wohl alle an ähnlichen inneren Konflikten. Wahrscheinlich wohnt in jedem von uns einer, der den Reiz der Fremde liebt, und einer, der gerne im Vertrauten Halt findet. Eine, die authentisch ihren eigenen Weg gehen will, aber auch eine, die sich nach Anerkennung und Geborgenheit in der Gruppe sehnt. Dass bei der Suche nach einem angemessenen Kompromiss nicht alle zum exakt gleichen Ergebnis kommen klingt nachvollziehbar. Die eine bevorzugt dabei etwas mehr Flexibilität und Spielraum, ein anderer betont Geborgenheit und Zugehörigkeit.

Aber eins frag ich mich schon: ob die Zugehörigkeit, die wir uns wünschen, überhaupt etwas mit Identität zu tun hat. Dass ich zur Gruppe der Nichtraucher gehöre, oder zur Gruppe der 40-50 Jährigen, oder auch zur Gruppe derer, die Wert auf Pünktlichkeit legen — was nützt mir das? Bei aller Ähnlichkeit entsteht da in mir kaum ein Gemeinschaftsgefühl. Für ein echtes Zugehörigkeitsgefühl kommt es für mich nicht auf die Homogenität der Gruppe an, sondern auf etwas ganz anderes: dass man mich vermisst, wenn ich fehle.

Ich glaube das mit dem dazugehören — das muss man anders anpacken.

2 Kommentare zu „Identität oder der Wunsch, dazu zu gehören

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  1. Liebe Alicia, deine Gedanken zum Dazugehören finde ich sehr interessant. Ich lebe ein in vieler Hinsicht sehr authentisches Leben, aber das kann bisweilen sehr anstrengend sein. Dennoch möchte ich dir irgendwie Mut zusprechen: auch im vermeintlichen Nicht-Dazugehören liegt ein großer Reiz. Man findet dann auch interessante Menschen, wenn man sich für einen „eigenwilligeren“ Lebensweg entscheidet. Insofern: Fitnesssalat statt Schweinebraten ist völlig akzeptabel! Alle anderen aufgezählten Dinge selbstverständlich genauso. Lieben Gruß!

    1. Liebe(r) Nighthawk,

      Danke für Deinen weiterführenden Gedanken, den ich sehr wichtig finde: authentisches Handeln hilft uns dabei, die richtige Gruppe zu finden — also eine Gruppe, bei der wir uns nicht verbiegen müssen, um dazu zu gehören. Ich stimme Dir da völlig zu. Erst wenn ich mich so zeige, wie ich bin, gebe ich den Menschen, die diese Art schätzen, eine Chance, mich zu finden.

      Nicht ganz klar wurde mir, wie der Eindruck entstanden ist, dass ich den Fitness-Salat nicht akzeptabel gefunden hätte. Vielleicht weil ich auch den Schweinebraten akzeptabel finde? Eine meiner inneren Stimme sprach sich für den Schweinebraten aus, weil sie nicht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte, sondern die Zugehörigkeit zum Team zum Ausdruck zu bringen wollte. Eine andere innere Stimme sprach sich für den Fitness-Salat aus, weil sie keine Lust auf Schweinebraten hatte. Ich finde beides “akzeptabel” und beides kann stimmig sein. Vielleicht freut es Dich aber zu hören, dass die Kellnerin am Ende unsere Bestellung so zusammenfasste: “Das wäre dann zehnmal Schweinsbraten und ein Fitness-Salat, zehn Maß Bier und eine Radler-Halbe.”

      Danke auch für Deinen Wunsch zu noch mehr Mut! Dass Du diesen Mut bereits besitzt, sehe ich daran, dass Du als eine(r) der ersten einen Kommentar auf meiner Seite verfasst hast! Danke!

      Liebe Grüße,

      Alicia

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