Die Farben des Schweigens

“Der Klügere gibt nach.” — das hat meine Oma gerne gesagt, wenn ihr der Streit zwischen uns Geschwistern auf die Nerven ging. Ein paarmal hat das auch funktioniert, bis ich mir insgeheim dachte, dass der “noch Klügere” sich wohl einfach durchsetzte. Von meiner Oma kenne ich auch das Sprichwort: “Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.”  Vielleicht sagte sie es, wenn ihr das endlose Geplapper der Enkel etwas zu viel wurde, was ja auch leicht durchschaubar wäre — aber die Vorstellung vom goldenen Schweigen ist bei mir bis heute hängengeblieben.

Manchmal passt es ja auch. Wenn jemand gestorben ist beispielsweise, oder ganz allgemein, wenn wir notleidenden Menschen begegnen. Uns fehlen die Worte. Wir schweigen aus Hilflosigkeit, und stellen dann fest: die Worte sind gar nicht so wichtig. Was zählt ist, dass wir da sind. Was zählt ist unser Mitgefühl. Wir dürfen Schweigen, weil da nichts ist, was gesagt werden müsste. Das ist für mich der Inbegriff des goldenen Schweigens.

Mir fällt auch ein, wie Jesus vor Pilatus steht und sich nicht verteidigt, sondern schweigt. Auf die Frage: “Was ist Wahrheit?” bekommt Pilatus keine Antwort. Warum eigentlich nicht? Wir können nur spekulieren. Max Frisch schreibt in seinem Tagebuch. “Das allgemeine Verlangen nach einer Antwort, […] vielleicht ist es doch nicht so ehrlich, wie der Verlangende selber meint […]: wir wollen gar keine Antwort, sondern wir wollen die Frage vergessen.” Ein Schweigen, das die Frage als wichtiger erachtet als die Antwort — das ist mir sympathisch. Es ist ein eisernes Schweigen: provokativ und kraftvoll, nicht leise, sondern laut.

Aber um auf diese laute Art zu Schweigen, benötigt man die Aufmerksamkeit der anderen. Und wann hat man die schon? Wie oft wartet jemand auf das, was ich zu sagen habe? Mein Schweigen im Alltag ist fast immer leise und farblos. Es hat keine eigene Farbe, sondern nimmt die Farbe der Umgebung an, und verstärkt sie dadurch. “Wer schweigt, scheint zuzustimmen.” sagten die alten Römer. “Qui tacet consentire videtur.” Einer von wenigen lateinischen Sätzen, die ich mir gemerkt habe.

Ich muss dabei an meinen Opa denken. Er erzählte uns Enkeln einmal, wie am Morgen nach der Reichskristallnacht ein paar Kollegen laut prahlend ins Büro gekommen waren. Er machte uns vor, wie sie breitbeinig da standen, sich lachend auf die Schulter klopften, und stolz verkündeten: “Gestern hamma sauber gmacht.” Leise fügte mein Großvater hinzu: “Und ich habe nichts gesagt.” Und dann fragte er uns Kinder: “Was hätte ich sagen sollen?”

Ich hätte meinen Großvater gerne mit einer guten Antwort getröstet, aber ich war ratlos. Natürlich hätte ich es schön gefunden, er wäre mutig gewesen, und hätte sich für die Juden eingesetzt und auf irgendeine Weise “dagegen geredet”. Aber mir war auch klar, dass das riskant gewesen wäre. Er hatte uns schließlich auch von seinem Freund erzählt, der einmal betrunken im Wirtshaus gesagt hatte: “Der Hitler ist ein Depp, und der Goebbels ein Arschloch.” Ein anderer Bekannter, der mit am Tisch saß, sagte: “Wenn du das nicht sofort zurück nimmst, wirst du es bereuen.” Kurz darauf wurde der Freund an die Ostfront strafversetzt, was einem Todesurteil gleichkam.Er kehrte nie mehr zurück.

“Was hätte ich sagen sollen?” Die Frage meines Großvaters klingt in mir noch heute nach. Es war eine ganz offene Frage, nicht etwa ein abwehrendes: “Was hätte ich denn schon sagen sollen?” Ich hatte den Eindruck, als wollte er wirklich unseren Rat hören. Vielleicht erinnere ich mich deswegen auch daran. Es kommt ja nicht oft vor, dass man als Kind von einem Erwachsenen in einer ernsten Sache um Rat gefragt wird.

Erst Jahre später kam ich zu dem vorläufigen Ergebnis, dass mein Großvater eigentlich keine Chance gehabt hatte. Es gab in dieser Situation keine wirklich gute Antwort — nur viele schlechte Antworten. Es war einfach schon zu spät. Man hätte früher reagieren müssen, als es noch nicht so gefährlich war. Also nahm ich mir fest vor: wenn ich einmal Angst habe, etwas laut zu sagen, dann muss ich schnell reagieren. Denn vielleicht ist gerade dieser Moment meine allerletzte Chance, es noch zu sagen. Dieser Vorsatz hat mich tatsächlich mehrmals in meinem Leben motiviert, den Mund aufzumachen.

Aber in letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es gar nicht so sehr die Angst vor der Reaktion der anderen ist, die mich verstummen lässt. Da ist auch etwas, was man, wenn man nett ist, als Reife bezeichnen könnte. Die Erkenntnis, dass die eigene Sichtweise begrenzt ist, und dass man trotz bester Absichten nicht immer alles richtig gemacht hat. Da hat man eifrig den Müll mit Spülmittel bearbeitet, damit keine Bioreste im Plastikmüll landen, sich etwas widerwillig mit Stoffwindeln abgemüht, das Haus durchsucht nach warmer Winterkleidung für Flüchtlinge — und früher oder später kommt dann immer irgendeiner, der überzeugend argumentieren kann, dass die eigenen Bemühungen nicht nur für die Katz waren, sondern alles noch schlimmer gemacht haben. Wer würde da nicht irgendwann resignieren? Da hält man doch gerne mal den Mund, nimmt sich bescheiden zurück, und überlässt es den anderen, sich mit einfachen Antworten auf komplexe Probleme zum Deppen zu machen. “Si tacuisses, philosophus mansisses.” hat mein Lateinlehrer gerne gesagt, wenn einer einen rechten Schmarrn von sich gegeben hatte. “Wenn Du geschwiegen hättest, wärst Du ein Philosoph geblieben.”

Eigentlich haben die alten Römer das Dilemma schon ganz gut erkannt: wer schweigt, bleibt farblos, und riskiert Mittäterschaft. Wer den Mund aufmacht und Farbe bekennt, riskiert, sich lächerlich zu machen. Irgendwo in diesem Spannungsfeld müssen wir also unseren Platz suchen. So betrachtet ist mir klar, in welche Richtung ich möchte: einen Schritt weg vom Philosophen, hin zur Farbe.

Wie viele bereichernde Gespräche sind mir entgangen, weil ich nicht riskieren wollte, falsch zu liegen? Das Schweigen brechen heißt, sich auf die Auseinandersetzung einlassen — im Wissen, dass keiner von uns die ganze Wahrheit sieht, und dass wir nur gemeinsam der Wahrheit näher kommen. Wenn es nicht ums recht haben geht, sondern ums dazulernen, macht Streiten ja manchmal auch richtig Spaß. Jeder Widerspruch ist eine Chance: zu lernen, zu wachsen, zu reifen.

Aber wie bringt man seine innersten Überzeugungen zum Ausdruck? Welche Worte können die tiefen Gräben überbrücken, die sich auftun zwischen den Menschen? Also zum Beispiel zwischen denen, die eine Reichskristallnacht mit Stolz erfüllt, und denen, die sich schämen? Wo fängt man da an?

Man schweigt immer noch — nicht aus Angst, sondern aus Sprachlosigkeit. Und so wurde mir vor ein paar Wochen plötzlich bewusst, dass ich meinen Großvater all die Jahre vielleicht ganz falsch verstanden habe. Ich dachte immer, seine Erzählung handle vom Konflikt zwischen Angst und Zivilcourage, also von der Frage: wann muss man den Mund aufmachen? Aber mein Opa hat mich nicht gefragt, ob er etwas hätte sagen sollen. Die Antwort darauf hatte er wohl schon gefunden. Er hat mich gefragt, was er hätte sagen sollen. Darauf hatte er auch 40 Jahre später noch keine Antwort. (Und ich heute, wieder 40 Jahre später, immer noch nicht.)

Diese Sprachlosigkeit, sie ist gar nicht so anders wie die anfangs erwähnte, wenn wir notleidenden Menschen gegenüber stehen. Wieder diese intensiven Gefühle, und wieder fehlen uns die Worte. Doch diesmal ist da nichts goldenes. Unsere Anwesenheit, unser Mitgefühl — sie sprechen nicht für sich. Die Worte, die wir nicht finden, sie werden nicht gesprochen. Sie fehlen einfach.

Für mich ist das ein rotes Schweigen. Es ist ein Schweigen das schmerzt. In mir drin schreit es ganz laut, aber niemand hört es. Dieses rote Schweigen — ich will lernen, wie man es bricht. Nicht das Schweigen meines Großvaters, sondern mein eigenes.

Irgendwo müssen sie doch zu finden sein, mit etwas Mut und Geduld: die richtigen Worte.

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