Vor Jahren erzählte ich meiner Schwiegermutter am Telefon von den vielen Vorzügen unseres neuen Hauses — wie groß und gemütlich wir es fanden, und gut gelegen. Nur ein Supermarkt sei leider nicht in der Nähe. “Das braucht man doch nicht.” sagte sie. Ich verteidigte mich: es könne praktisch sein, wenn man beispielsweise Pfannkuchen machen will, und es sind keine Eier da. “Aber wieso gehen dir die Eier aus?” fragte meine Schwiegermutter erstaunt. “So etwas passiert einem doch nicht!”
Das besondere an diesem Gespräch? Mir wurde bewusst, dass ich mich vielleicht zum ersten Mal über eine solche Bemerkung nicht geärgert hatte. Ich hörte auch keine Kritik — nur Verwunderung. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass ihr die Eier wahrscheinlich tatsächlich noch nie ausgegangen waren. Früher schien es mir ja, als ob sie das extra macht: ein perfekter Haushalt, nur um mich zu ärgern! Doch irgendwann hatte ich angefangen, sie für die präzise Planung, die stets aufgeräumte Küche und die völlige Abwesenheit von Stress bei der Zubereitung aufwendiger Gerichte zu bewundern. Und einmal sagte ich ihr das auch. Wir hatten spät abends gemeinsam ihre Spülmaschine geleert, den Frühstückstisch gedeckt, und gerade nahm sie den Braten für den nächsten Tag aus der Gefriertruhe. “Ich bewundere es, wie bei dir immer alles so perfekt organisiert ist.” Ich bereitete mich innerlich auf eine Ansprache über die Vorzüge einer durchdachten Organisation vor, aber ich hatte mich verrechnet. Sie war erstaunt und sah sich in der Küche um. “Ach so, das meinst du … .” Sie überlegte kurz und lächelte. “Das liegt wahrscheinlich einfach an meinem Beruf. Als Krankenschwester muss man im Ernstfall immer bereit sein. Da gewöhnt man sich an, alles vorzubereiten, was man irgendwie vorbereiten kann.” Das leuchtete mir ein. Man kann nicht anfangen, das Skalpell zu suchen, wenn der Patient bereits in Narkose ist. Gute Organisation war also nicht einfach ihr moralischer Anspruch. Es war professionelle Gewohnheit. Das letztere erschien mir viel sympathischer. (Die Theorie, dass sie ihren Haushalt so organisierte, um mich zu ärgern, verwarf ich in diesem Augenblick endgültig.)
Und wie prägt mich mein Beruf? Wo beeinflusst mich meine Ausbildung zur Naturwissenschaftlerin oder mein Berufsalltag als Ingenieurin? Und womit irritiere vielleicht auch ich meine Mitmenschen? Da fällt mir spontan ein, wie ich mit befreundeten Müttern im Café sitze und eine klagt über die schwere Matheaufgabe beim Sohn gestern, die keiner in der Familie lösen konnte. Während die anderen Mütter einfühlsam reagieren, bin ich nur auf eins fixiert: was war die Aufgabe? Und dann kritzle ich auf dem Rand der Serviette mit einem Buntstift, den mir freundlicherweise ein malendes Kind vom Nachbartisch ausgeliehen hat. Eine Viertelstunde später (die perplexen Freundinnen sind schon längst bei einem anderen Thema) erkläre ich begeistert die Lösung und — wo nötig — auch die fehlenden mathematischen Grundlagen. Wie kommt das wohl rüber? Da müsste ich schon Glück haben, wenn sie das so sehen wie eine Studienfreundin von mir, die mir einmal sagte: “Von Dir habe ich gelernt, dass Mathe Spaß machen kann.”
Aber was begeistert mich an der Mathematik? Ich glaube es geht mir dabei nicht um Mathematik. Es ist viel grundlegender — mich begeistern Fragen. Als Naturwissenschaftler versucht man, Licht ins Dunkel zu bringen — eine ordnende Theorie ins Durcheinander der Beobachtungen. Dazu muss man das Dunkel aber erst einmal finden. Man muss ein bisschen verwirrt sein, oder von Zweifeln geplagt werden, denn wenn alles klar und logisch erscheint, gibt es nichts zu entdecken. Kurzum — man braucht eine gute Frage! Aber was macht eigentlich eine Frage zur guten Frage? Das ist eine gute Frage.
Ich mag beispielsweise Fragen, die bereits eine Perspektive auf das Problem aufzeigen, und mich nicht einfach nur mit dem Wirrwarr an Beobachtungen konfrontieren. Beim Öffnen einer Krimskrams-Schublade kann ich mich fragen: “Ist hier eine Schere drin?” Diese Frage führt sofort zu einem Lösungsansatz. Ich filtere Gegenstände aufgrund ihrer Größe und erzeuge so (gedanklich) eine Art Ordnung. Die Frage erzeugt keine Gefühle, die mich von der Suche nach einer Antwort abhalten könnten. Dieses Schaffen von emotionaler Distanz ist aus meiner Sicht ein weiteres Kriterium für eine gute Frage. Ganz anders sieht es aus, wenn ich mich beim Öffnen der Schublade frage: “Was ist denn das für ein Durcheinander hier?” Viele Gefühle — kein Ansatz zur Ordnung. “Ist hier eine Schere drin?” ist eindeutig die bessere Frage.
Eine Jahrhundertfrage ist sie nun allerdings auch nicht. Dafür ist sie zu banal. Eine gute Frage darf nicht zu leicht und auch nicht frustrierend schwer sein. Bei einer guten Frage muss man etwas nachdenken oder herumprobieren, um sie beantworten zu können. Beim Vokabellernen könnte ich mich beispielsweise fragen: was ist die schnellste Art Vokabeln zu lernen? (Erst in fester Reihenfolge oder gleich durcheinander? Laut sprechen oder schreiben?) Diese Frage inspiriert sofort ein paar Experimente. Man lernt mit verschiedenen Methoden und vergleicht den Zeitaufwand. Es ist dabei gar nicht so wichtig, ob das Experiment zu einem klaren Ergebnis führt. Beim Experimentieren macht man nämlich immer neue Beobachtungen und lernt fast mit Sicherheit etwas nützliches dazu. (Und sei es auch nur eine Menge neuer Vokabeln.)
Eine Frage ist für mich aber nur dann eine gute Frage, wenn mich die Antwort auch wirklich interessiert. Die Frage nach dem effizienten Vokabellernen mag einen so packen, dass man plötzlich frustriert feststellt, dass im Lehrbuch nicht genug Vokabeln sind, um all die spannenden Experimente durchzuführen. Aber sie kann einen auch kalt lassen, und dann nützt es nichts, sich das Gegenteil einzureden. Fragen werden nicht dadurch interessant, dass sie objektiv gesehen interessant sein sollten oder müssten. Im Gegenteil: solche Fragen sind quasi definitionsgemäß uninteressant.
Ich finde es übrigens enttäuschend, dass die deutsche Sprache für das Interesse am Hinterfragen nur das wenig freundliche Wort Neugier bereit hält. Welche Freundin würde sich freuen, wenn ich ihr sage, dass ich sie sehr neugierig finde? Die englische Sprache ist hier klar im Vorteil, denn das Wort curious ist viel positiver besetzt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es an negativen Assoziationen zum Wort Neugier liegt, dass ihre verändernde Kraft bei uns oft unterschätzt wird.
Ich jedenfalls staune immer wieder über diese Kraft. Ich nutze sie indirekt bei fast allen schwierigen Projekten, indem ich zuerst nach einer Frage suche, die mich inspiriert. Als ich nach einer Schwangerschaft ein paar Kilo abnehmen wollte, fragte ich mich gespannt, wie sich eine Diät wohl auf meine Laune und meinen Energielevel auswirken würde (und ob ich es schaffen würde, mich an die Vorgaben zu halten). Wenn mich so eine Frage erst mal packt, ist der Rest ein Selbstläufer, und so lohnt es sich für mich, an meinen Fragen zu feilen — denn natürlich funktioniert das nur, wenn mich die Frage auch wirklich interessiert. Auch neue Blog-Texte beginnen oft mit einer Frage, nämlich ob ich das, was ich denke und empfinde, in Worte fassen kann. Ich fange an zu schreiben, einfach nur weil ich neugierig bin, ob es gelingen wird oder nicht.
Ich glaube ja, dass Gandhi ganz ähnlich vorgegangen ist — dass er super neugierig war und einfach nur wissen wollte, was passieren würde, wenn er immer die Wahrheit sagt. Wie ich darauf komme? Es erscheint mir bezeichnend, dass er seine Autobiographie “Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit” genannt hat. Wer experimentiert, will eine Frage beantworten.
Ein besonders beeindruckendes Zeugnis einer neugierigen Grundhaltung ist mir vor kurzem in einem Text des Wiener Tiefenpsychologen Viktor Frankl begegnet. In dem lesenswerten Buch “Trotzdem ja zum Leben sagen — ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager” erwähnt er Neugier als eine ihm vertraute Reaktion auf lebensbedrohliche Ereignisse, die er auch bei seiner Ankunft im KZ wahrnahm. “Auch in Auschwitz herrschte diese gleichsam die Welt objektivierende und den Menschen distanzierende Stimmung fast kühler Neugier[…]. Neugierig waren wir, was nun alles geschehen würde und was die Folgen seien. Die Folgen z.B. davon, daß man, splitternackt und noch naß von der Brause, im Freien stehengelassen wird, in der Kälte des Spätherbstes.”
Fast so als beträfe es ihn gar nicht, fährt der Autor dann in nüchternem Ton fort: “[Die] Neugier wird in den nächsten Tagen von Überraschung abgelöst, z.B. von der Überraschung darüber, daß man eben keinen Schnupfen bekommt. Aber solche trivialen Überraschungen blühen dem Neuangekommenen unter den Häftlingen noch viele. Der Mediziner unter ihnen lernt vor allem eines: die Lehrbücher lügen! Irgendwo hieß es einmal, der Mensch könne es ohne Schlaf nicht länger als soundso viel Stunden aushalten. Ganz falsch!” Ich meine hier sogar ein wenig Begeisterung über die gewonnenen Erkenntnisse herauszuhören, und so wirken diese Zeilen auch etwas befremdlich auf mich. Ist so eine distanzierte Haltung gesund? Verdrängt er in diesem Augenblick nicht völlig die Realität der Situation? (Nicht, dass man ihm da einen Vorwurf machen wollte.) Aber genau das tut er eben nicht. Er verdrängt die Realität nicht, sondern er beobachtet sie detailgetreu. Seine vielen Fragen erlauben ihm das.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass dieser Mann später vor allem für eine Frage berühmt geworden ist, die er gestellt hat — die Frage nach dem Sinn. Aber es ist nicht diese eine Frage, die mich bewegt, während ich sein Buch lese. Mich erschüttert die endlose Fülle an Fragen: Warum beginnen die wunden Hände nicht zu eitern, wenn sie bei den Erdarbeiten dreckig werden? Wie kann es sein, dass das Zahnfleisch im KZ so gesund ist wie nie zuvor — trotz Vitaminmangel und fehlender Pflege? Worin genau besteht der seelische Schmerz, wenn man geschlagen wird, und wie groß ist er im Vergleich zum körperlichen Schmerz? Wie therapiert man einen selbstmordgefährdeten Mithäftling? Welche Auswirkungen hat der Traum, von dem ihm der Blockälteste erzählt?
Und so stelle ich fest, dass die Frage nach der guten Frage vielleicht doch keine so gute Frage ist. Sie ist irrelevant. Denn während ich versuche, mir von diesem Viktor Frankl im Geiste ein Bild zu machen, fallen mir andere neugierige Menschen ein, die mir begegnet sind. Diese Menschen zeichnen sich eigentlich nicht dadurch aus, dass sie besonders kluge, bedeutsame oder tiefgründige Fragen stellen. Sie stellen einfach nur besonders viele Fragen. Und man benötigt auch kein Kriterium, um die vielen Fragen in gute und weniger gute zu sortieren. Das ergibt sich von selbst. Die guten Fragen sind halt einfach die, die einen nicht mehr loslassen.
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